Auf Märkte wird mehr gehört als auf Menschen!

Evangelische Kirche in Spanien kritisiert das Verhalten der Regierung in der Krise

In der Juli-Ausgabe (2012) der Zeitschrift „Cristianismo Protestante“ der Spanischen Evangelischen Kirche (Iglesia Evangelica Española – IEE) hat sich die Kirchenleitung intensiv mit der wirtschaftlichen Situation Spaniens auseinandergesetzt. Unter der Überschrift „Die ökonomische Krise ist eine gesellschaftliche Krise“ solidarisiert sich die Kirchenleitung mit Menschen, die von der Krise in Spanien unmittelbar betroffen sind. Im gleichen Atemzug kritisiert sie die derzeitige Politik Spaniens und ihre unkritische Haltung der europäischen Forderungen gegenüber. Diese seien dominiert von den neoliberalen Märkten, die die Politik vor sich hertreiben.

Das von dem Kirchenpräsidenten Joel Cortés unterzeichnete Kommuniqué kritisiert, dass es keinen offenen Dialog mit verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen gibt – gerade im Blick auf die drastischen Sparmaßnahmen, die Sozialleistungen des Staates und die Garantien für ein würdiges Leben betreffen. Mit großer Sorge beobachtet die Kirche die Jugendarbeitslosigkeit und die damit verbundene Hoffnungslosigkeit: 52 % der unter 25-Jährigen haben keine Arbeit, während die allgemeine Arbeitslosigkeit 24,5 % beträgt. Die Armut trifft inzwischen besonders die Kinder hart.

Mit seiner drastischen Sparpolitik sorge der Staat für gesellschaftliche Verwerfungen. Verantwortliche der Krise, die in den Banken sitzen, würden nicht zur Rechenschaft gezogen. Das neoliberale Gesellschaftsmodell der letzten Jahre habe darauf verzichtet, die notwendigen marktregulierenden Mechanismen zu schaffen.

In dem Kommuniqué weist die Kirchenleitung auf das Christuswort aus Matthäus 5 hin: „Du kannst nicht zwei Herren dienen. Es geht nicht gleichzeitig Gott und dem Geld zu dienen.“

Die IEE klagt die spanische Regierung an, dass sie mehr die Märkte bedient als den Menschen Spaniens zu dienen. So sei das Jesuswort aktueller denn je: „Wir können nicht dem Nächsten und dem Markt zugleich gehorsam sein.“

Die kleine Minderheitskirche IEE versteht sich als eine Institution, die auf der Seite der Armen steht. Im Kommuniqué ruft sie alle sozialen Bewegungen auf, für eine menschenfreundlichere Gesellschaftsform einzutreten: „Als Kirche sind wir berufen, Alternativen zu leben!“ Zugleich wird der spanische Staat aufgefordert, nach alternativen Wegen zur Krisenlösung zu suchen und Mittel und Wege zu finden, um die Leiden der Armen zu lindern.

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SPANISCHE EVANGELISCHE KIRCHE
(Iglesia Evangélica Española – IEE)
Zählt 2.360 Gemeindeglieder in 44 Gemeinden in den Regionen Norte, Cataluña, Madrid, Mallorca, Menorca, Levante und Andalusia-Extremadura. Die Gemeinden werden von 25 Pfarrerinnen und Pfarrern betreut.

Als Spanien in den Jahren 1868–1874 vorübergehend Republik geworden war, schlossen sich die kurz vorher entstandenen kleinen evangelischen Gemeinden 1869 zusammen. Die IEE versteht sich bewusst als Erbe der ersten reformatorischen Bewegung des 16. Jahrhunderts in Spanien. Während des Bürgerkrieges (1936–1939) und der anschließenden Diktatur des Franco-Regimes hatten die Protestanten in Spanien eine schwere Zeit zu überstehen. In Sevilla und Grenada wurden die evangelischen Pfarrer erschossen. Die Erklärung des Katholizismus zum einzigen religiösen Bekenntnis der spanischen Nation hatte die Schließung aller evangelischer Kirchen und Kapellen mit Ausnahme Madrid zur Folge. Erst nach dem Tod Francos (im November 1975) ließ die Bedrängung der Protestanten allmählich nach. Seit der Verfassung von 1978 gilt das Prinzip der Religionsfreiheit auch für nicht römisch-katholische Gemeinschaften. Zum Teil wirkt die Benachteiligung immer noch in der Gesetzgebung nach.

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Quelle: Gustav-Adolf-Werk e.V., Diasporawerk der Evangelischen Kirche in Deutschland (Juli 2012)



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