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Qumran - Rollen

Neue Erkenntnisse über die Qumranrollen

Seit 1948 ein Beduinenjunge die ersten Texte ans Licht brachte, gibt es diesen Wettlauf zwischen wissenschaftlicher Erforschung und öffentlichem Interesse - wobei die Erwartungen oft gleich zu Zielvorstellungen geronnen sind. Der Hoffnung, der in den Texten genannte "Lügenprophet" könne etwas mit Johannes, gar Jesus zu tun haben, wollten sich auch Forscher nicht entziehen. Von da war es ein kurzer Schritt, die Rollen selbst als Primärzeugnisse zu sehen, gegenüber denen widersprechende Berichte von Zeitzeugen zu vernachlässigen waren. Die Qumran-Forschung als eigenständige theologische Disziplin war geboren. Viele Karrieren verdanken sich ihr. Entsprechend geschlossen ist ihre Front, wenn Neuentdeckungen drohen.

Zu den Spielverderbern gehören die israelischen Archäologen Juval Peleg und Jitzchak Magen, die ihre Ergebnisse aus zehnjähriger Grabung jetzt vorstellten. Danach lebten in dem "Kloster" Qumran vor 2000 Jahren Männer, Frauen und Kinder. Sie führten ein angenehmes Leben, benutzten kostbares Geschirr und trugen auch Schmuck. Das alles passt nicht zu den Essenern, von denen überliefert wird, sie hätten asketisch und zölibatär gelebt.

Schon vor einigen Jahren waren der Münchner Anthropologe Olav Röhrer-Ertl und der Eichstätter Philosoph Ferdinand Rohrhirsch in München in einem Nachlass auf Knochen von 22 Toten aus dem Friedhof von Qumran (der offiziell nicht untersucht werden darf) gestoßen. Sie konnten nachweisen, dass es sich um einen "soziologischen Heiratskreis" handelt, also um Verwandtschaft. Mit den Regeln der Essener, der neben den Pharisäern und Sadduzäern dritten Hauptgruppe des Judentums zurzeit Jesu, lässt sich das nicht wirklich vereinbaren.

Doch die Theologen als Hauptreservoir der Qumran-Forschung ließen sich von soviel agnostischer Spatenforschung nicht aus der Ruhe bringen. Sie blieben sogar angesichts von Einwänden aus eigenen Reihen standhaft. So kam während der Rekonstruierung heraus, dass die rund 15 000 Pergament- und Papyrusfragmente zu rund 900 Rollen gehören, die aus dem dritten bis ersten Jahrhundert v. Chr. stammen und von rund 500 professionellen Kopisten beschrieben worden sind. Auch das passt nicht zum Kloster einer weltabgeschiedenen Sekte. Hinzu kommt, dass mehr als 200 Schriften biblische Inhalte haben, die oft erheblich von einander abweichen. Warum aber hütete ein Kloster so viele verschiedene Bibelvarianten?

Die Antwort hat der deutsche Neutestamentler Karl Heinrich Rengstorf bereits in den 50er Jahren gegeben: Bei den Rollen von Qumran handelt es sich um die Bestände Jerusalemer Bibliotheken, die während der römischen Invasion 66 bis 70 n. Chr. in der Wüste am Toten Meer versteckt worden sind. Der Chicagoer Judaist Norman Golb hat diese Ansicht 40 Jahre später mit den Erkenntnissen nüchterner altertumswissenschaftlicher Disziplinen verbunden. Sein Plädoyer lautet: In Qumran kamen keine Primärquellen der Essener ans Licht. Dafür gewinnen wir neue Zeugnisse über die erstaunliche Vielfalt jüdischen Denkens vor der Zerstörung des Zweiten Tempels.

Sehr glücklich scheint das Gros der Qumran-Forscher darüber nicht zu sein. Schließlich würde das bedeuten, dass Zehntausende von Publikationen auf dem Schutthaufen der Wissenschaftsgeschichte entsorgt würden.

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