Der 9. November – zwischen Schuld und Hoffnung
Der 9. November – zwischen Schuld und Hoffnung
Warum der deutsche „Schicksalstag“ uns an die Zerbrechlichkeit der Freiheit und unsere Verantwortung für die Zukunft erinnert
Es gibt Tage, an denen die Geschichte ihre ganze Widersprüchlichkeit offenbart. Der 9. November gehört dazu. An diesem Datum wurden Hoffnungen auf Freiheit gewaltsam zerstört, eine Republik geboren, die Demokratie bedroht, Menschen verfolgt und ermordet. Und an einem 9. November fiel schließlich eine Mauer, die Deutschland jahrzehntelang geteilt hatte.
Kaum ein anderes Datum der deutschen Geschichte vereint so viel Licht und Dunkelheit. Deshalb wird der 9. November häufig als „Schicksalstag der Deutschen“ bezeichnet. Doch dieser Begriff verdient Nachdenken. Schicksal klingt nach etwas Unausweichlichem, nach einer Macht, der Menschen ausgeliefert sind. Geschichte aber entsteht durch menschliches Handeln. Menschen treffen Entscheidungen, übernehmen Verantwortung oder verweigern sie. Sie können Unrecht ermöglichen, ihm widersprechen oder den Mut aufbringen, neue Wege zu gehen.
Gerade deshalb erzählt uns der 9. November mehr als eine Abfolge historischer Ereignisse. Er stellt Fragen an unser Gewissen.
Die verletzliche Hoffnung auf Freiheit
Am 9. November 1848 wurde der demokratische Abgeordnete Robert Blum in Wien erschossen. Er hatte sich für politische Freiheit und eine demokratische Ordnung eingesetzt. Seine Hinrichtung wurde zum Zeichen für das Scheitern der Revolution von 1848/49. Die Hoffnung auf Mitbestimmung, Bürgerrechte und eine freiheitliche Verfassung wurde von den alten Mächten gewaltsam zurückgedrängt.
Siebzig Jahre später schien diese Hoffnung endlich eine politische Gestalt zu gewinnen. Am 9. November 1918 endete die Herrschaft der Hohenzollern. Philipp Scheidemann rief in Berlin die Republik aus, wenig später verkündete Karl Liebknecht eine sozialistische Republik. Nach den Schrecken des Ersten Weltkriegs begann ein demokratischer Aufbruch, zugleich aber auch eine Zeit heftiger gesellschaftlicher Gegensätze.
Die erste deutsche Demokratie blieb verletzlich. Am 8. und 9. November 1923 versuchten Adolf Hitler und seine Anhänger, die staatliche Ordnung gewaltsam zu beseitigen. Der Putsch in München scheiterte. Doch der Nationalsozialismus verschwand nicht. Zehn Jahre später war Hitler an der Macht.
Diese drei Novembertage erzählen von Menschen, die Freiheit suchten, von anderen, die sie verhindern wollten, und von einer Demokratie, deren Bestand keineswegs selbstverständlich war.
Demokratie lebt von Institutionen und Gesetzen. Sie braucht zugleich Menschen, die ihren Wert erkennen, einander achten und bereit sind, sie gegen ihre Feinde zu verteidigen. Wo Freiheit nur noch als persönlicher Anspruch verstanden wird und die Verantwortung für andere verloren geht, wird auch die Demokratie schwach.
1938: Als die Synagogen brannten
Der 9. November 1938 bildet den dunkelsten Einschnitt in dieser Geschichte. In der Nacht vom 9. auf den 10. November organisierten die Nationalsozialisten reichsweite Gewalt gegen jüdische Menschen. Synagogen wurden angezündet, Wohnungen und Geschäfte zerstört, Menschen misshandelt, ermordet und in Konzentrationslager verschleppt.
Die Novemberpogrome waren kein spontaner Ausbruch von Wut. Sie waren staatlich organisierter Terror. Sie machten öffentlich sichtbar, wie weit die systematische Ausgrenzung und Entrechtung der jüdischen Bevölkerung bereits fortgeschritten war. Der Weg zum nationalsozialistischen Völkermord hatte längst begonnen.
Zu den bedrückendsten Fragen dieses Tages gehört das Verhalten der Menschen, die zusahen. Manche beteiligten sich an den Verbrechen, andere profitierten davon. Viele schwiegen, obwohl das Unrecht vor ihren Augen geschah.
Auch die christlichen Kirchen müssen sich dieser Geschichte stellen. Jahrhundertelang hatten christliche Judenfeindschaft und antijüdische Vorurteile dazu beigetragen, Verachtung und Ausgrenzung zu verbreiten. Während der nationalsozialistischen Verfolgung versagten große Teile der Kirchen. Es gab mutige Einzelne, die widersprachen und Verfolgten halfen. Ihr Handeln verdient Erinnerung, kann aber das Schweigen und die Schuld vieler anderer nicht aufheben.
Für die evangelische Kirche bedeutet die Erinnerung an 1938 deshalb auch eine theologische Selbstprüfung. Wie konnte eine Kirche, die den Gott Israels bekennt und sich auf den Juden Jesus von Nazareth beruft, gegenüber der Entrechtung jüdischer Menschen so weitgehend versagen? Die Evangelische Kirche in Deutschland hat sich ausdrücklich von der Judenfeindschaft Martin Luthers distanziert und die bleibende Erwählung Israels bekräftigt. Doch mit Erklärungen allein ist die historische Verantwortung nicht erfüllt. Sie muss sich im christlich-jüdischen Gespräch, in der Verkündigung und im entschiedenen Widerspruch gegen Antisemitismus bewähren.
Wer heute an den 9. November 1938 erinnert, sollte deshalb auch die Gegenwart betrachten. Wie sprechen wir über Minderheiten? Wie reagieren wir auf menschenverachtende Parolen? Wann schweigen wir, obwohl ein Widerspruch notwendig wäre? Erinnerung beginnt mit dem Respekt vor den Opfern. Ihre Geschichte darf nicht zu einer bloßen Illustration allgemeiner moralischer Einsichten werden. Zugleich erwächst aus der Erinnerung die Verpflichtung, jüdisches Leben und die Würde jedes Menschen zu schützen.
1939: Der Mut eines Einzelnen
In die Geschichte dieser Novembertage gehört auch Georg Elser.
Am 8. November 1939 versuchte der Schreiner aus Württemberg, Adolf Hitler mit einer selbst gebauten Bombe im Münchner Bürgerbräukeller zu töten. Der Anschlag scheiterte, weil Hitler den Saal wenige Minuten vor der Explosion verlassen hatte. Elser wurde verhaftet und 1945 im Konzentrationslager Dachau ermordet.
Seine Tat fiel bewusst in die Zeit der nationalsozialistischen Erinnerungsfeiern an den gescheiterten Putsch vom November 1923. Elser erkannte früh, wohin die Politik Hitlers führte. Er handelte aus eigener Überzeugung und wollte einen größeren Krieg verhindern. Über die moralischen Grenzen gewaltsamen Widerstands lässt sich nachdenken. Doch Elsers Geschichte erinnert daran, dass Menschen selbst unter einer Diktatur Entscheidungen treffen und Verantwortung übernehmen können.
Sie durchbricht auch die bequeme Vorstellung, damals habe niemand wissen oder handeln können.
1989: Als Menschen ihre Angst überwanden
Am Abend des 9. November 1989 geschah etwas, das viele Menschen kaum noch für möglich gehalten hatten: Die Berliner Mauer wurde durchlässig. Menschen strömten zu den Grenzübergängen, umarmten sich, weinten und feierten. Nach 28 Jahren verlor die Mauer ihre trennende Macht.
Die Bilder dieser Nacht gehören zu den glücklichsten Erinnerungen der jüngeren deutschen Geschichte. Der Mauerfall war jedoch kein Wunder, das ohne menschliches Zutun vom Himmel fiel. Ihm gingen jahrelange oppositionelle Arbeit, mutige Proteste, Fluchtbewegungen und die Friedliche Revolution in der DDR voraus.
Auch die Kirchen spielten dabei eine wichtige Rolle. Friedensgebete, besonders in der Leipziger Nikolaikirche, schufen Räume, in denen Menschen zusammenkommen, ihre Ängste aussprechen und Hoffnung auf Veränderung entwickeln konnten. Christinnen und Christen engagierten sich gemeinsam mit vielen anderen für Menschenrechte, Meinungsfreiheit und Demokratie. Die Kirchen waren dabei weder einheitlich noch die alleinigen Träger der Revolution. Aber an vielen Orten boten sie Schutzräume für die Freiheit.
Das ist eine bemerkenswerte Erfahrung: Ein politisches System, das seine Macht mit Überwachung und Gewalt absicherte, verlor schließlich seine Kontrolle über Menschen, die sich ihre Freiheit zurückholten. Manchmal beginnt Veränderung damit, dass Menschen ihre Angst überwinden und sich miteinander auf den Weg machen.
Was können wir aus diesem Datum lernen?
Der 9. November 1938 und der 9. November 1989 liegen 51 Jahre auseinander. Beide Tage gehören zur deutschen Geschichte. Dennoch dürfen wir sie nicht gegeneinander aufrechnen. Die Freude über den Mauerfall kann das Grauen der Novemberpogrome nicht ausgleichen. Die gewonnene Freiheit von 1989 nimmt der deutschen Geschichte von 1938 nichts von ihrer Schuld.
Gerade darin liegt die Schwierigkeit eines gemeinsamen Gedenkens. Wir dürfen Freude empfinden und müssen zugleich der Opfer gedenken. Wir dürfen dankbar sein für die Überwindung einer Diktatur und dürfen darüber die Verbrechen einer anderen nicht vergessen. Vielleicht wäre der 9. November deshalb weniger als nationaler Feiertag geeignet als vielmehr als Tag, an dem eine Gesellschaft bewusst innehält.
Ein Tag, der uns nicht die tröstliche Erzählung einer immer besseren Geschichte anbietet, sondern uns daran erinnert, wie gefährdet Freiheit, Frieden und Menschenwürde bleiben. Und wie viel davon abhängt, ob Menschen bereit sind, Verantwortung zu übernehmen.
Was sagt der christliche Glaube dazu?
Die Bibel kennt die menschliche Sehnsucht nach Freiheit und Gerechtigkeit ebenso wie die Erfahrung von Gewalt, Unrecht und Schuld. Der Prophet Micha erinnert daran, was Gott vom Menschen fordert: Recht zu üben, Güte zu lieben und demütig mit Gott zu gehen (Micha 6,8). Diese alte biblische Weisung besitzt eine erstaunliche Aktualität. Sie verbindet den Glauben an Gott mit der Verantwortung für das Zusammenleben. Frömmigkeit kann sich nicht auf das persönliche Verhältnis zu Gott beschränken, wenn gleichzeitig die Würde anderer Menschen verletzt wird.
Der christliche Glaube weiß außerdem, dass Menschen fehlbar sind. Sie können sich irren, sich von Angst leiten lassen und sich an Unrecht gewöhnen. Auch Kirchen sind davor nicht geschützt. Deshalb gehört zur christlichen Existenz die Bereitschaft zur Umkehr. Wer seine Vergangenheit ernst nimmt, muss sich fragen lassen, welche Verantwortung daraus für die Gegenwart entsteht. Dabei darf Erinnerung nicht in Selbstgerechtigkeit umschlagen. Es wäre leicht, auf die Menschen von damals zu zeigen und sich selbst auf der richtigen Seite der Geschichte zu sehen.
Schwerer ist die Frage, wie wir selbst handeln würden, wenn Widerspruch Nachteile hätte, wenn die Mehrheit schweigt oder wenn Ausgrenzung wieder gesellschaftsfähig wird. Christlicher Glaube verspricht nicht, dass Geschichte zwangsläufig gut ausgeht. Seine Hoffnung gründet im Vertrauen darauf, dass Gott den Menschen auch angesichts von Schuld und Leid nicht preisgibt. Daraus kann die Kraft wachsen, dem Unrecht zu widersprechen und an der Möglichkeit einer menschlicheren Zukunft festzuhalten.
Die Zukunft ist noch nicht entschieden
Der 9. November erinnert uns daran, dass Geschichte offen ist. Was geschehen ist, lässt sich nicht ungeschehen machen. Wie wir damit umgehen und welche Konsequenzen wir daraus ziehen, liegt jedoch in unserer Verantwortung. Die Hinrichtung Robert Blums, die Geburt der Republik, der gescheiterte Hitler-Putsch, die Novemberpogrome, der Widerstand Georg Elsers und der Mauerfall erzählen von sehr unterschiedlichen Menschen und Entscheidungen.
Eine verbindende Frage bleibt: Was geschieht, wenn Menschen ihre Verantwortung wahrnehmen – und was geschieht, wenn sie ihr ausweichen?
Vielleicht ist das die wichtigste Einsicht dieses deutschen Schicksalstages: Die Würde des Menschen, die Freiheit und der Frieden sind kostbar. Sie bleiben gefährdet, solange wir sie für selbstverständlich halten.
Wenn am 9. November Kerzen zur Erinnerung an die Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung entzündet werden und zugleich die Bilder der geöffneten Berliner Mauer in unser Gedächtnis zurückkehren, dürfen beide Erfahrungen nebeneinanderstehen: Trauer über das Unrecht und Dankbarkeit für gewonnene Freiheit.
Aus christlicher Sicht verbindet sie die Hoffnung, dass Menschen umkehren, Verantwortung übernehmen und Versöhnung suchen können.
Die Geschichte können wir nicht ändern. Aber wir tragen Verantwortung dafür, welche Geschichte wir heute schreiben.
Quellen und weiterführende Informationen
Bundeszentrale für politische Bildung: Der 9. November in der deutschen Geschichte
Bundesarchiv: Der 9. November – „Schicksalstag der Deutschen“
Deutsches Historisches Museum: Der 9. November – (k)ein Schicksalstag
EKD: Die Synode distanziert sich von Luthers Judenfeindschaft
Bundesarchiv: Georg Elser und das Attentat vom 8. November 1939
Bundeszentrale für politische Bildung: Der verhasste Freiraum Kirche