Palmesel

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Brauchtum, Geschichte und theologischer Sinn

Der sogenannte Palmesel ist ein Teil des traditionellen Brauchtums rund um den Palmsonntag, besonders im süddeutschen und österreichischen Raum. Er gehört zur Palmprozession der römisch-katholischen Kirche und erinnert an den Einzug Jesu Christi in Jerusalem – ein Ereignis, das am Beginn der Karwoche steht und in allen vier Evangelien überliefert ist (vgl. Mt 21,1–11; Mk 11,1–11; Lk 19,28–40; Joh 12,12–19).

1. Biblischer Hintergrund

Die Palmprozession mit grünen Zweigen und festlichen Hymnen erinnert an den Empfang Jesu in Jerusalem. Die Menschen breiteten ihre Kleider aus und schwangen Palmzweige – ein Zeichen der Freude, der Erwartung und des messianischen Jubels. Jesus ritt dabei bewusst auf einem Esel in die Stadt.

Dieses Detail ist theologisch bedeutsam. Es verweist auf das Prophetenwort aus Sacharja 9,9:

„Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, demütig und reitend auf einem Esel.“

Der Esel steht nicht für Macht oder militärische Stärke – im Gegensatz zum Kriegspferd –, sondern für Frieden, Demut und Sanftmut. Jesus offenbart sich als König anderer Art: nicht herrschend durch Gewalt, sondern durch Hingabe.

2. Entstehung des Brauchtums

Die Palmprozession ist seit dem 7. Jahrhundert belegt. Seit dem 10. Jahrhundert ist überliefert, dass Dorfpfarrer bei der Palmprozession tatsächlich auf einem Esel ritten. In der Lebensbeschreibung des heiligen Ulrich wird ein solcher Ritt ausführlich geschildert.

Da sich lebende Esel jedoch häufig störrisch verhielten und der Ablauf der Feier nicht immer würdevoll blieb, ersetzte man das Tier bald durch eine hölzerne Figur: einen geschnitzten Esel mit einer reitenden Christusdarstellung. Dieser hölzerne „Palmesel“ wurde auf Rollen durch den Ort gezogen.

Im Zuge der Aufklärung gerieten solche bildhaften Darstellungen zunehmend in Kritik. Man betrachtete sie als „theatralisch“ und liturgisch unangemessen. So verbot etwa Erzbischof Hieronymus von Colloredo in Salzburg 1779 und erneut 1782 entsprechende Darstellungen. In vielen Regionen wurden Palmesel zerstört oder eingelagert. 1897 soll es in ganz Bayern nur noch etwa 50 erhaltene Exemplare gegeben haben.

Heute finden sich noch einzelne historische Palmesel in Kirchen oder Museen, die Zeugnis einer volksnahen Frömmigkeitskultur ablegen.

3. Der übertragene Sinn

Interessanterweise entwickelte sich der Begriff „Palmesel“ auch im übertragenen Sinn.

In manchen Gegenden bezeichnete man den Jungen, der mit seinem Palmwedel als Letzter die Kirche betrat, als „Palmesel“. In Würzburg war es zeitweise Brauch, Kirchenbesucher, die in abgetragener Kleidung erschienen, mit einem kreidebestäubten Stoffesel symbolisch zu „kennzeichnen“. Heute wird in manchen Familien scherzhaft dasjenige Familienmitglied – häufig ein Kind – als „Palmesel“ bezeichnet, das am Palmsonntag als Letztes aufsteht.

Der Begriff erhielt damit eine leicht spöttische oder mahnende Bedeutung. Der Esel wurde zum Symbol für Trägheit oder Unaufmerksamkeit.

4. Theologische Deutung

Gerade hier eröffnet sich eine interessante Spannung. Während der biblische Esel ein Zeichen der Demut Christi ist, wird der „Palmesel“ im übertragenen Sinn zur Zielscheibe von Spott.

Theologisch betrachtet ist das bemerkenswert. Denn der Esel trägt in der Heilsgeschichte eine positive Symbolik:

Er trägt Maria nach Bethlehem.

Er steht an der Krippe.

Er trägt Christus nach Jerusalem.

Er ist das Tier des Friedens und der Geduld.

Der „Palmesel“ erinnert daher daran, dass Gottes Heil nicht im Triumphzug der Macht kommt, sondern im unscheinbaren Gewand der Niedrigkeit. Wer sich selbst zu groß macht, verfehlt womöglich die Spur des Evangeliums. Wer aber bereit ist zu tragen, zu dienen und sich nicht in den Vordergrund zu drängen, steht näher an der Logik Jesu.

So kann die alte Spottbezeichnung auch neu gelesen werden: Vielleicht ist es keine Schande, „Palmesel“ zu sein – wenn damit gemeint ist, Christus Raum zu geben und ihn in die Welt zu tragen.

5. Zwischen Volksfrömmigkeit und Liturgie

Der Palmesel steht exemplarisch für eine Form der Volksfrömmigkeit, die biblische Geschichten anschaulich und konkret werden lässt. Solche Bräuche waren nie bloße Folklore. Sie halfen Menschen, Heilsgeschichte sinnlich zu erfahren.

Zugleich zeigt die Geschichte des Verbots im 18. Jahrhundert, wie sich kirchliche Liturgie immer wieder zwischen Rationalisierung und Bildhaftigkeit bewegt. Die Spannung zwischen nüchterner Liturgie und lebendigem Brauch bleibt bis heute bestehen.

Fazit

Der Palmesel ist mehr als ein kurioses Relikt süddeutscher Kirchenkunst. Er verweist auf den Kern des Palmsonntags: den Einzug des Friedenskönigs.

Er erinnert daran, dass Christus nicht auf dem Pferd der Macht kommt, sondern auf dem Esel der Demut. Und er lädt dazu ein, das eigene Leben im Licht dieses Bildes zu prüfen:

Nicht wer zuerst einzieht, nicht wer am lautesten jubelt, sondern wer bereit ist zu dienen, steht im Geist des Palmsonntags.

Vielleicht ist es also gar nicht das Schlechteste, ein wenig „Palmesel“ zu sein.

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