Famos, Rita: Leadership
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Famos, Rita: Leadership
Führung ist nie nur eine Frage von Positionen. Sie zeigt sich darin, wie Verantwortung wahrgenommen wird, wie Macht gestaltet wird und welche Stimmen in Entscheidungsräumen tatsächlich Gewicht haben. Wo Frauen in Leitungsfunktionen sichtbar werden, verändert sich deshalb nicht nur die Statistik. Es verändert sich auch die Frage, wie Leitung verstanden, ausgeübt und weitergegeben wird.
Der von Rita Famos herausgegebene Band „Leadership. Weibliche Perspektiven“ versammelt persönliche Berichte, Analysen und Impulse von Frauen in Führungspositionen. Die Stimmen kommen aus Kirche, Politik, Wirtschaft, Medizin, Theologie und Gesellschaft. Gerade diese Breite macht das Buch reizvoll. Es geht nicht um ein enges kirchliches Spezialthema, sondern um eine Führungsfrage, die viele Bereiche berührt: Wie entsteht gute Leitung? Welche Barrieren wirken bis heute? Und was braucht eine Kultur, in der Begabung, Verantwortung und Teilhabe nicht an überkommenen Rollenbildern scheitern?
Der Band gewinnt seine Stärke aus der Verbindung von Erfahrung und Reflexion. Persönliche Wege in Leitungsverantwortung werden nicht nur erzählt, sondern in größere Zusammenhänge gestellt. Dadurch entsteht ein vielstimmiges Bild: Frauen berichten von Förderung und Widerstand, von erkämpften Räumen, von Erwartungen, Verletzungen, Lernprozessen und Verantwortung. Solche Berichte sind wichtig, weil sie sichtbar machen, dass Führung nicht abstrakt beginnt. Sie entsteht in Biografien, Institutionen, Netzwerken und Machtstrukturen.
Dabei wird deutlich, dass weibliche Führung nicht einfach einen anderen Führungsstil meint. Es wäre zu kurz gegriffen, Frauen pauschal mehr Empathie, Dialogfähigkeit oder Teamorientierung zuzuschreiben. Der Band vermeidet solche Vereinfachungen. Er fragt tiefer: Welche strukturellen Bedingungen verhindern gleichberechtigte Teilhabe? Welche Bilder von Autorität prägen Organisationen? Und wie kann Führung so gestaltet werden, dass sie nicht an alten Hierarchiemustern hängen bleibt?
Für kirchliche Kontexte ist diese Frage besonders brisant. Kirchen sprechen von Gerechtigkeit, Würde und Berufung. Sie verkündigen, dass Menschen vor Gott gleichwertig sind. Gerade deshalb müssen sie sich daran messen lassen, wie Beteiligung, Leitung und Macht konkret organisiert werden. Wenn Frauen in kirchlichen Leitungsstrukturen unterrepräsentiert bleiben oder ihre Kompetenz anders bewertet wird als die von Männern, ist das nicht nur ein Organisationsproblem. Es berührt das theologische Selbstverständnis der Kirche.
Rita Famos bringt als Präsidentin der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz eine Perspektive ein, die kirchliche Leitung aus eigener Erfahrung kennt. Dass der Band zugleich Stimmen aus anderen gesellschaftlichen Feldern versammelt, erweitert den Horizont. Kirche kann von Politik, Wirtschaft, Medizin und Zivilgesellschaft lernen. Umgekehrt haben kirchliche Erfahrungen mit Verantwortung, Berufung, Gemeinschaft und Gewissen auch etwas in gesellschaftliche Debatten einzubringen.
Besonders anregend ist die Frage nach der nächsten Generation. Viele heutige Führungspersönlichkeiten haben Wege gebahnt, Widerstände überwunden und Sichtbarkeit erkämpft. Doch daraus folgt nicht automatisch, dass Gleichberechtigung erreicht ist. Junge Frauen brauchen nicht nur Vorbilder, sondern Strukturen, die ihnen Beteiligung ermöglichen, ohne dass sie sich ständig beweisen, rechtfertigen oder anpassen müssen. Leadership wird so zu einer Frage der Zukunftsfähigkeit.
Das Buch eignet sich für Menschen, die in Kirche, Gemeinde, Diakonie, Bildung oder gesellschaftlichen Organisationen Verantwortung tragen. Es kann in Leitungsgremien, Fortbildungen und Mentoringprozessen wichtige Gespräche anstoßen. Dabei liefert es keine einfachen Patentrezepte. Sein Wert liegt eher darin, Erfahrungen ernst zu nehmen, Wahrnehmung zu schärfen und Mut zu machen, Leitungskultur bewusst zu verändern.
Auch Männer sollten dieses Buch lesen. Nicht als höfliche Geste, sondern weil Geschlechtergerechtigkeit keine Frauenfrage ist. Wer über Macht, Verantwortung und Glaubwürdigkeit nachdenkt, muss fragen, welche Stimmen fehlen und welche Muster unbemerkt weiterwirken. Gute Führung entsteht dort, wo Menschen bereit sind, die eigene Position mit den Erfahrungen anderer ins Gespräch zu bringen.
So ist „Leadership. Weibliche Perspektiven“ ein ermutigender und zugleich klärender Band. Er zeigt, dass gleichberechtigte Teilhabe nicht Beiwerk kirchlicher und gesellschaftlicher Entwicklung ist. Sie gehört zum Kern einer verantwortlichen Leitungskultur. Wer Zukunft gestalten will, darf auf die Erfahrungen, Begabungen und Stimmen von Frauen nicht verzichten.
Rita Famos, Hg.
Leadership
Weibliche Perspektiven
Beiträge zu Theologie, Ethik und Kirche, Band 9
Mit einem Vorwort von Karin Keller-Sutter
280 S.
978-3-290-18781-1
32,00 €