Karram, Margaret: Friede braucht lebendige Nähe

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Karram, Margaret: Friede braucht lebendige Nähe

Friede beginnt nicht erst bei politischen Verträgen. Er beginnt dort, wo Menschen einander nicht auf Herkunft, Religion oder Geschichte reduzieren. Er wächst, wenn Nähe möglich wird – vorsichtig, verletzlich, manchmal gegen alle Erfahrung. Margaret Karram erzählt in „Friede braucht lebendige Nähe. Autobiografische Notizen einer christlichen Araberin“ von einem solchen Weg.

Ihre Lebensgeschichte ist von Spannungen geprägt, die für viele Menschen im Heiligen Land Alltag sind. Margaret Karram wurde in Haifa geboren, ist Araberin, Christin und Israelin. Schon diese drei Worte zeigen, dass Identität hier nicht einfach ist. Sie lebt an Schnittstellen: zwischen Völkern, Religionen, Sprachen, politischen Konflikten und persönlichen Beziehungen. Gerade deshalb hat ihre Stimme Gewicht.

Das Buch liest sich nicht wie ein politisches Programm. Es ist persönlicher, leiser und dadurch oft eindringlicher. Karram erzählt von Begegnungen, Erfahrungen und Prägungen, die ihr Verständnis von Frieden geformt haben. Frieden erscheint dabei nicht als naive Harmonie. Er ist mühsam, riskant und verlangt Mut. Wer Nähe sucht, setzt sich aus. Wer auf den anderen zugeht, kann verletzt werden. Und doch führt kein anderer Weg aus der Logik von Angst, Abgrenzung und Feindbildern heraus.

Besonders stark ist die Verbindung von Biografie und geistlicher Haltung. Karram schreibt aus einer christlichen Überzeugung, die nicht in frommen Worten stehen bleibt. Glaube bedeutet für sie, dem anderen Menschen nicht auszuweichen. Er zeigt sich im Dialog, im Aushalten von Differenz, in der Bereitschaft zur Versöhnung und im Vertrauen, dass selbst tiefe Gräben nicht das letzte Wort haben müssen.

Die Erfahrungen der Autorin sind untrennbar mit der Fokolar-Bewegung verbunden, deren Präsidentin sie seit 2021 ist. Diese Bewegung legt seit ihren Anfängen Wert auf Einheit, Geschwisterlichkeit und gelebtes Miteinander über Grenzen hinweg. In Karrams autobiografischen Notizen wird sichtbar, wie anspruchsvoll und konkret ein solcher Weg ist. Einheit meint hier nicht Gleichförmigkeit. Sie entsteht nicht dadurch, dass Unterschiede verschwinden, sondern dadurch, dass Menschen einander trotz dieser Unterschiede als Gegenüber anerkennen.

Gerade im Blick auf den Nahostkonflikt ist das ein herausfordernder Gedanke. Wo Gewalt, Trauer und kollektive Verletzungen das Zusammenleben prägen, klingt die Rede von Nähe schnell zerbrechlich. Karram verschweigt diese Zerbrechlichkeit nicht. Ihre Hoffnung wirkt nicht deshalb glaubwürdig, weil sie die Realität kleiner macht, sondern weil sie aus der Erfahrung von Spannung, Schmerz und Ausdauer spricht.

Für christliche Leserinnen und Leser ist dieses Buch eine Einladung zur Selbstprüfung. Frieden wird nicht nur von anderen verlangt. Er beginnt mit der Frage, welche Bilder wir von Menschen haben, die uns fremd sind oder deren Geschichte uns belastet. Er beginnt dort, wo man die eigene Verletzung ernst nimmt, aber nicht zulässt, dass sie den Blick auf den anderen vollständig verschließt.

Karrams Stimme ist dabei ökumenisch und interreligiös anschlussfähig. Ihre Erfahrungen mit Christinnen und Christen, Jüdinnen und Juden, Musliminnen und Muslimen zeigen, dass Dialog mehr ist als höfliche Gesprächsbereitschaft. Er verlangt Geduld, Respekt, Wahrhaftigkeit und die Bereitschaft, sich verändern zu lassen. Nähe bleibt lebendig, wenn sie nicht Besitz ergreift, sondern Raum gibt.

Das Buch eignet sich für Menschen, die nach geistlicher Orientierung in einer zerrissenen Welt suchen. Es kann in Gemeinden, Gesprächskreisen, Friedensarbeit und interreligiösem Dialog wichtige Impulse geben. Vor allem aber ist es eine persönliche Ermutigung, die eigene Ohnmacht nicht mit Gleichgültigkeit zu verwechseln. Wer nicht alles lösen kann, kann dennoch Zeichen setzen.

So ist „Friede braucht lebendige Nähe“ ein stilles und zugleich kraftvolles Buch. Margaret Karram erzählt nicht von Frieden als Idee, sondern von Frieden als gelebter Praxis. Ihre autobiografischen Notizen erinnern daran, dass Versöhnung nicht dort beginnt, wo Konflikte verschwinden. Sie beginnt dort, wo Menschen trotz allem aufeinander zugehen.

Margaret Karram
Friede braucht lebendige Nähe
Autobiografische Notizen einer christlichen Araberin

180 S.
978-3-7346-1387-6
20,00 €

Verlag Neue Stadt

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