Schlatter, Beat: Malen, Leiden, Sterben

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Schlatter, Beat: Malen, Leiden, Sterben

Es gibt Bilder, die in Museen landen. Andere verschwinden auf Estrichen, in Brockenhäusern, Kellern, Flohmärkten oder privaten Restbeständen. Manchmal bleiben sie, ohne dass jemand noch weiß, wer sie gemalt hat, warum sie entstanden sind und welche Hoffnungen einmal an ihnen hingen. Beat Schlatter nimmt sich solcher Bilder an und schenkt ihnen ein zweites Leben.

„Malen, Leiden, Sterben. 49 tragische Künstlerbiografien“ ist ein eigentümliches, kluges und wunderbar schräges Buch. Es bewegt sich zwischen Fiktion und Wahrheit, zwischen Kunstbuch, literarischer Miniatur, Kabarett, Nachruf und stiller Würdigung. Schlatter erfindet zu ausgemusterten Bildern Biografien von Künstlerinnen und Künstlern, deren Leben an der Kunst hängt, an ihr scheitert, sich in ihr verstrickt oder auf absonderliche Weise von ihr verschlungen wird.

Das klingt zunächst komisch, und es ist oft komisch. Matteo Nevio Brambilla zählt seine Pinselstriche, Dorothea Koch malt immer wieder dasselbe Bild, Liam Mertens stellt seine Staffelei nur noch im Regen auf. Schon solche Konstellationen zeigen Schlatters Sinn für das Absurde. Doch der Humor bleibt nicht billig. Er legt nicht die Menschen bloß, sondern zeigt ihre Sehnsucht. Hinter der Komik steht eine ernste Frage: Was treibt Menschen dazu, etwas schaffen zu wollen, auch wenn Anerkennung ausbleibt?

In seinem Vorwort beschreibt Schlatter, dass er ausgemusterte Bilder über Jahre hinweg gesucht und gefunden hat. Er spricht davon, ihnen eine Bühne zu geben, sie aus ihrem Schattendasein zu holen und in einen neuen Dialog mit den Betrachtenden zu bringen. Das ist eine schöne, fast zärtliche Grundidee. Die Bilder werden nicht nur vorgeführt. Sie werden rehabilitiert. Ihre erfundenen Lebensgeschichten machen sichtbar, dass Kunst immer auch mit Hoffnung, Selbstbehauptung, Kränkung, Scheitern und Sinnsuche zu tun hat.

Der Titel spielt mit einem alten Mythos: Wer Kunst schafft, muss leiden. Schlatter nimmt diesen Mythos ernst genug, um ihn nicht platt zu verspotten, und skeptisch genug, um ihn nicht zu verklären. Das macht den besonderen Ton des Buches aus. Kunst erscheint hier nicht als romantische Leidensschule, aber auch nicht als bloßes Hobby. Sie ist eine Kraft, die Menschen anziehen, trösten, überfordern und beschädigen kann.

Gerade für theology.de ist dieser Blick reizvoll. Schlatter schreibt nicht theologisch, aber er berührt religiöse Fragen. In der Leseprobe heißt es sinngemäß, Kunst könne für viele Kunstschaffende einer Art Gottesdienst gleichen: Sie wollen das Unfassbare fassen und die verborgene Welt sichtbar machen. Das ist mehr als ein hübscher Satz. Es trifft einen tiefen Zusammenhang von Kunst und Transzendenz. Kunst sucht nach Gestalt für das, was sich nicht einfach sagen lässt.

Die 49 Biografien sind deshalb kleine Parabeln auf das menschliche Bedürfnis, gesehen zu werden. Wer malt, fotografiert, konstruiert oder experimentiert, will Spuren hinterlassen. Manche dieser Spuren sind großartig, andere unbeholfen, manche rätselhaft, manche unfreiwillig komisch. Aber hinter ihnen steht ein Mensch, der etwas ausdrücken wollte. Schlatter nähert sich diesen Gestalten mit Humor, aber auch mit Anteilnahme.

Bemerkenswert ist die Mischung aus Tragik und Leichtigkeit. Das Buch lacht nicht über das Scheitern. Es lacht eher mit dem Scheitern, sofern man das so sagen kann. Es nimmt ihm die letzte Schwere, ohne es zu verharmlosen. In einer Kultur, die Erfolg, Sichtbarkeit und Marktwert oft mit Bedeutung verwechselt, ist das wohltuend. Nicht jedes Werk wird anerkannt. Nicht jede Begabung findet ihren Ort. Nicht jeder Lebensweg führt zum Ruhm. Und doch kann in all dem eine eigene Würde liegen.

Schlatter ist als Kabarettist, Schauspieler und Drehbuchautor erfahren im Umgang mit Timing, Pointe und Verschiebung. Man merkt dem Buch an, dass hier jemand schreibt, der die Komik menschlicher Selbstüberschätzung kennt. Zugleich spürt man, dass er die Figuren nicht verachtet. Seine tragisch-komischen Miniaturen leben von Nähe. Sie sind absurd, aber nie herzlos.

Das Buch lässt sich in kleinen Portionen lesen. Man kann eine Biografie aufschlagen, das dazugehörige Bild betrachten, schmunzeln, den Kopf schütteln und dann plötzlich hängen bleiben. Vielleicht an einer gescheiterten Idee. Vielleicht an einer übertriebenen Leidenschaft. Vielleicht an der Frage, warum Menschen überhaupt schaffen, sammeln, malen, schreiben, komponieren, gestalten. Wer das Buch so liest, merkt: Es geht nicht nur um Kunst. Es geht um menschliche Existenz.

Theologisch lässt sich daran vieles anschließen. Der Mensch ist ein schöpferisches Wesen, aber kein souveräner Schöpfer. Er will gestalten und bleibt verletzlich. Er sucht Sinn und produziert manchmal Unsinn. Er sehnt sich nach Anerkennung und erfährt Gleichgültigkeit. In dieser Spannung gewinnt Schlatters Buch seine stille Tiefe. Es zeigt Menschen, die an der Kunst hängen, weil sie mehr vom Leben erwarten, als das Leben ihnen gibt.

Auch die farbigen Illustrationen gehören zu diesem Reiz. Sie sind nicht bloß Beigabe, sondern Ausgangspunkt der literarischen Fantasie. Bild und Biografie treten miteinander in ein Spiel. Man schaut anders, wenn man gelesen hat, welche erfundene Geschichte einem Werk beigegeben wurde. Und man liest anders, wenn das Bild daneben stumm seine eigene Sprache spricht.

„Malen, Leiden, Sterben“ ist ein liebevoll abgründiges Buch über Kunst, Scheitern und die Sehnsucht nach Bedeutung. Beat Schlatter gelingt ein ungewöhnlicher Ton: komisch, melancholisch, verspielt und erstaunlich nachdenklich. Wer Kunst nur nach Qualität, Preis oder Erfolg beurteilt, wird hier freundlich irritiert. Wer aber Freude an skurrilen Lebensläufen, schrägen Wendungen und feinem Humor hat, findet ein kleines Kabinett menschlicher Leidenschaft.

Vielleicht liegt die stärkste Pointe darin, dass ausgemusterte Bilder durch dieses Buch doch noch einmal angesehen werden. Sie bekommen eine Geschichte, ein Gesicht, einen Klang. Und damit geschieht etwas, das über den Kunstbetrieb hinausweist: Was verloren schien, wird noch einmal angeschaut. Was lächerlich wirken könnte, bekommt Würde. Was gescheitert ist, darf erzählen.

Beat Schlatter
Malen, Leiden, Sterben
49 tragische Künstlerbiografien

172 S.
978-3-290-22084-6
32,80 €

Pano Verlag / TVZ

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