Trugenberger, Julius / Wittekind, Folkart: Dorothee Sölle und das Politische Nachtgebet
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Trugenberger, Julius / Wittekind, Folkart: Dorothee Sölle und das Politische Nachtgebet
Gottesdienst und Politik wurden im Politischen Nachtgebet nicht nebeneinandergestellt, sondern miteinander ins Gespräch gebracht. Gebet, Predigt, Information, Aktion und Protest rückten zusammen. Damit wurde in den späten 1960er-Jahren eine Frage neu gestellt, die Kirche bis heute beschäftigt: Wie öffentlich darf, soll und muss christlicher Glaube sein?
Der von Julius Trugenberger und Folkart Wittekind herausgegebene Band „Dorothee Sölle und das Politische Nachtgebet. Theologie – Politik – Aktion“ widmet sich einem der markanten kirchlichen Aufbrüche der Bundesrepublik. Das Politische Nachtgebet gilt als gottesdienstlicher Beitrag der Kirchen zur 68er-Bewegung; Dorothee Sölle wurde zu seiner Symbolfigur. Doch gerade solche starken Zuschreibungen brauchen historische und theologische Klärung. Worin bestand Sölles konkreter Beitrag? Welche Rolle spielten andere Beteiligte? Und wie lässt sich diese Bewegung im größeren kirchlichen und gesellschaftlichen Umbruch der 1960er-Jahre verstehen?
Der Band geht diesen Fragen mit wissenschaftlicher Sorgfalt nach. Er löst das Politische Nachtgebet aus bloßer Erinnerung, Verehrung oder Ablehnung heraus und betrachtet es als komplexes Phänomen: liturgisch, politisch, theologisch, kulturell und biografisch. Gerade das macht die Lektüre interessant. Das Nachtgebet erscheint nicht nur als Ausdruck protestierender Frömmigkeit, sondern als Ort, an dem sich neue Formen kirchlicher Öffentlichkeit erprobten.
Dorothee Sölle steht dabei im Zentrum, aber nicht isoliert. Ihre sprachliche Kraft, ihr prophetischer Ton und ihre radikale Verbindung von Mystik und politischer Verantwortung haben das Bild des Politischen Nachtgebets geprägt. Doch der Band fragt genauer nach Netzwerken, Kontexten, Mitwirkenden und Entwicklungslinien. Dadurch wird Sölle nicht kleiner, sondern historisch schärfer sichtbar.
Besonders aufschlussreich ist die Einbettung in die langen 1960er-Jahre. Kirchen, Theologie und Gesellschaft befanden sich in tiefgreifenden Veränderungsprozessen. Autoritäten wurden befragt, liturgische Formen erneuert, gesellschaftliche Ungerechtigkeiten öffentlich angeklagt, politische Partizipation eingefordert. Das Politische Nachtgebet war ein Brennpunkt dieser Dynamik. In ihm verdichteten sich Fragen nach Vietnamkrieg, Kolonialismus, sozialer Gerechtigkeit, Kapitalismus, Schuld, Gebet und kirchlicher Glaubwürdigkeit.
Damit berührt der Band auch heutige Debatten. Viele Gemeinden fragen wieder neu, wie politisch Kirche sein darf. Soll sie sich öffentlich äußern? Wo droht moralische Überheblichkeit? Wann wird Schweigen zur Schuld? Und wie kann Gottesdienst ein Ort sein, an dem die Welt vor Gott gebracht wird, ohne dass Liturgie zur bloßen politischen Kundgebung wird? Das Politische Nachtgebet liefert darauf keine einfachen Antworten, aber es bleibt ein starker Gesprächspartner.
Die Verbindung von Theologie, Politik und Aktion ist dabei das Entscheidende. Sölle und ihre Mitstreiterinnen und Mitstreiter wollten nicht nur über die Welt sprechen. Sie wollten Glauben so vollziehen, dass er angesichts von Leid, Krieg und Unrecht nicht folgenlos bleibt. Gebet wurde nicht als Rückzug verstanden, sondern als Unterbrechung. Es sollte Wahrnehmung schärfen, Gewissen wecken und Menschen zum Handeln bringen.
Gerade aus heutiger Perspektive lohnt sich ein nüchterner Blick. Nicht jede Form des Politischen Nachtgebets lässt sich einfach wiederholen. Manche Sprache, manche Zuspitzung und manche Aktionsform gehören in ihre Zeit. Doch die Grundfrage bleibt aktuell: Wie kann christlicher Glaube öffentlich widerständig sein, ohne sich selbst politisch zu verengen? Wie kann er solidarisch handeln, ohne das Evangelium auf Aktivismus zu reduzieren?
Der Band eignet sich besonders für theologisch, kirchenhistorisch und liturgiewissenschaftlich interessierte Leserinnen und Leser. Auch für Pfarrerinnen und Pfarrer, Religionslehrkräfte, Studierende und Menschen in politisch engagierten Gemeinden bietet er wichtige Anregungen. Er hilft, eine prägende Phase jüngerer Kirchengeschichte besser zu verstehen und zugleich die eigenen Gegenwartsfragen zu schärfen.
So ist „Dorothee Sölle und das Politische Nachtgebet“ ein wichtiger Beitrag zur Erforschung einer Bewegung, die Kirche, Liturgie und politische Theologie nachhaltig irritiert und inspiriert hat. Der Band zeigt: Wo Gebet die Augen vor der Welt nicht schließt, kann es zum Ort wacher Verantwortung werden. Und wo Theologie sich der Wirklichkeit stellt, beginnt sie manchmal mitten in der Nacht neu zu sprechen.
Julius Trugenberger / Folkart Wittekind, Hg.
Dorothee Sölle und das Politische Nachtgebet
Theologie – Politik – Aktion
Kölner Forschungen zur Theologie Dorothee Sölles, Band 2
264 S.
978-3-374-08153-0
48,00 €