Zimmerling, Peter: Ein Gott, der richtet?

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Zimmerling, Peter: Ein Gott, der richtet?

Die Rede vom richtenden Gott ist vielen fremd geworden. In Predigt, Seelsorge und kirchlicher Öffentlichkeit steht meist der liebende, barmherzige und zugewandte Gott im Vordergrund. Das ist verständlich und theologisch gut begründet. Doch die Bibel spricht auch von Gottes Zorn, von Gericht, von Wahrheit, Verantwortung und dem Ende allen Unrechts. Wer diese Texte übergeht, verliert einen wichtigen Teil biblischer Hoffnung.

Der von Peter Zimmerling herausgegebene Band „Ein Gott, der richtet?“ nimmt diese unbequeme Frage auf. Schon das Fragezeichen im Titel ist wichtig. Es geht nicht um eine schnelle Rückkehr zu drohender Gerichtspredigt, sondern um theologisches Nachdenken: Wie kann heute von Gottes Gericht gesprochen werden, ohne Angst zu schüren, Menschen zu manipulieren oder das Evangelium zu verdunkeln?

Die Beiträge setzen bei einer Spannung an, die viele Christinnen und Christen kennen. Einerseits ist die Vorstellung eines strafenden oder zornigen Gottes belastet. Sie kann mit religiöser Angst, Schuldgefühlen und seelsorgerlichen Verletzungen verbunden sein. Andererseits ist die Hoffnung auf Gottes Gerechtigkeit ohne Gericht kaum denkbar. Wenn Gott alles Unrecht einfach überginge, bliebe die Frage offen, was aus den Opfern der Geschichte, aus Gewalt, Lüge, Ausbeutung und Schuld wird.

Gerade darin liegt die theologische Dringlichkeit des Themas. Gericht meint biblisch nicht nur Strafe. Es bedeutet auch Aufrichtung von Recht, Offenlegung der Wahrheit und Ende der Macht des Unrechts. Die Vorstellung, dass Gott richtet, kann erschrecken. Sie kann aber auch trösten: Kein Leid bleibt unsichtbar. Keine Schuld wird einfach zugedeckt. Kein Täter behält endgültig das letzte Wort.

Der Band führt diese Frage aus verschiedenen theologischen Disziplinen zusammen. Altes und Neues Testament, Systematische Theologie, Praktische Theologie, Psychologie und Kunstgeschichte kommen ins Gespräch. Dadurch wird deutlich, dass die Rede vom Gericht Gottes nicht an einer einzelnen Stelle behandelt werden kann. Sie berührt Gottesbild, Menschenbild, Eschatologie, Seelsorge, Predigt, Spiritualität und kirchliche Praxis.

Besonders wichtig ist die seelsorgerliche Sensibilität. Viele Menschen haben religiöse Sprache vom Gericht nicht als befreiend, sondern als bedrängend erlebt. Wer heute verantwortet von Gottes Gericht spricht, muss solche Erfahrungen ernst nehmen. Es darf nicht darum gehen, alte Drohbilder zu erneuern. Vielmehr braucht es eine Sprache, die zwischen berechtigter Kritik an missbräuchlicher Gerichtspredigt und der biblischen Wahrheit von Gottes Gerechtigkeit unterscheidet.

Die biblischen Texte lassen sich dabei nicht entschärfen. Sätze wie „Schrecklich ist’s, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen“ aus dem Hebräerbrief bleiben herausfordernd. Auch prophetische Gerichtsworte und neutestamentliche Aussagen über Rechenschaft und Endgericht sperren sich gegen eine allzu glatte Theologie. Gerade deshalb müssen sie sorgfältig gelesen werden: in ihrem literarischen Zusammenhang, in ihrer historischen Situation und im Horizont des Evangeliums.

Der Band macht deutlich, dass Gottes Liebe und Gottes Gericht nicht vorschnell gegeneinander ausgespielt werden sollten. Liebe, die Unrecht gleichgültig hinnimmt, wäre keine wirkliche Liebe. Barmherzigkeit, die Wahrheit vermeidet, bliebe oberflächlich. Gottes Gericht steht nicht neben Gottes Liebe, als wäre es eine dunkle Gegenseite. Es gehört zur Ernsthaftigkeit seiner Liebe, dass Gott das Böse nicht verharmlost.

Für Predigt und Gemeindearbeit ist diese Einsicht wichtig. Viele kirchliche Verkündigungsformen meiden das Gerichtsthema aus guten Gründen. Doch ein völliges Schweigen schafft neue Probleme. Es lässt Menschen allein mit ihren Fragen nach Gerechtigkeit, Schuld, Verantwortung und endgültiger Hoffnung. Eine erneuerte Rede vom Gericht müsste helfen, diese Fragen vor Gott zu bringen – nüchtern, tröstlich und wahrhaftig.

Auch psychologische Perspektiven sind hier hilfreich. Religiöse Gerichtsvorstellungen können Menschen belasten, aber sie können auch zur moralischen Orientierung beitragen, wenn sie nicht zerstörerisch eingesetzt werden. Entscheidend ist, ob die Rede vom Gericht Menschen klein macht oder ihnen hilft, Verantwortung zu übernehmen und auf Gottes Gerechtigkeit zu hoffen.

So ist „Ein Gott, der richtet?“ ein wichtiger und notwendiger Band. Er stellt sich einem Thema, das in Kirche und Theologie oft gemieden wird, obwohl es biblisch und existentiell zentral bleibt. Das Buch hilft, die Rede vom Gericht Gottes nicht vorschnell abzuschaffen, sondern neu zu verstehen: als ernste, heilsame und hoffnungsvolle Erinnerung daran, dass Gott die Welt nicht dem Unrecht überlässt.

Peter Zimmerling, Hg.
Ein Gott, der richtet?

246 S.
978-3-374-08108-0
58,00 €

Evangelische Verlagsanstalt

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