Ein Krokodil in der Kathedrale

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Ein Krokodil in der Kathedrale

In Sevilla hängt ein Reptil am heiligen Ort – und erzählt von Macht, Diplomatie und Gottes wunderlicher Schöpfung

Wer in der Kathedrale von Sevilla ein Krokodil erwartet, hat entweder zu viele Legenden gelesen oder einen sehr wachen Blick für kirchliche Kuriositäten. Und doch: Es hängt dort. Nicht mitten über dem Hochaltar, Gott sei Dank, sondern im Bereich des Orangenhofs, an der Puerta del Lagarto, der „Pforte der Eidechse“. Dort baumelt ein präpariertes Krokodil von der Decke – zusammen mit einem Elefantenstoßzahn und einem Zaumzeug. Spain.info weist ausdrücklich auf diese ungewöhnliche Sehenswürdigkeit hin.

Schon der Ort ist bemerkenswert. Die Kathedrale Santa María de la Sede ist nicht irgendeine Kirche. Sie gilt als größte gotische Kathedrale der Welt und gehört seit 1987 zum UNESCO-Weltkulturerbe. Sie wurde auf den Resten der früheren Hauptmoschee Sevillas errichtet; auch der Orangenhof und die Giralda, einst Minarett, erinnern noch an diese Vorgeschichte.

Und nun also: ein Krokodil.

Der Legende nach gehörte das Tier zu einer diplomatischen Geschenksendung des Sultans von Ägypten an König Alfons X., genannt „der Weise“. Mit den exotischen Gaben soll der Sultan um die Hand von Alfons’ Tochter geworben haben. Zum Präsentkorb der besonderen Art gehörten demnach ein lebendes Krokodil, ein Elefantenstoßzahn und eine zahme Giraffe. Der Heiratsantrag wurde abgelehnt, die Geschenke blieben in Sevilla.

Man muss sich das kurz vorstellen: Eine Kathedrale, erbaut zur Ehre Gottes, voller Altäre, Kunstwerke, Reliquien, Gebet und Weihrauch – und in einer Ecke hängt ein Krokodil. Als sei die Geschichte selbst irgendwann hineingelaufen, habe den Ausgang verpasst und sei dann einfach geblieben.

Die Skurrilität liegt nicht nur im Tier. Sie liegt auch darin, wie viel Weltgeschichte in diesem Krokodil steckt: christliches Spanien, islamisches Erbe, königliche Heiratspolitik, exotische Tiere als Zeichen von Reichtum und Macht, dazu der Übergang von Moschee zu Kathedrale. Was wie eine Kuriosität für Touristen wirkt, ist zugleich ein kleines Archiv europäischer, mediterraner und religiöser Verflechtungen.

Theologisch ist das Krokodil in der Kathedrale ein überraschend lehrreicher Mitbewohner. Es erinnert daran, dass Kirchen nie nur reine, abgeschlossene Räume sind. In ihnen sammelt sich Geschichte: fromme und politische, schöne und schwierige, heilige und höchst irdische. Kirchen erzählen nicht nur von Gott, sondern auch davon, wie Menschen Gott, Macht, Kunst, Kultur und eigenes Interesse miteinander verknüpft haben.

Und vielleicht hat das Krokodil noch eine zweite Botschaft. Die Bibel kennt Tiere nicht nur als Staffage. Der Leviathan, die Schlange, der Esel Bileams, die Raben des Elia, der große Fisch des Jona – immer wieder treten Tiere als Zeichen, Störung oder Erinnerung auf. Sie entziehen sich menschlicher Kontrolle. Sie machen deutlich: Gottes Schöpfung ist größer, fremder und wilder, als wir sie gern hätten.

Ein Krokodil in der Kathedrale von Sevilla ist also mehr als ein „Hingucker“. Es ist ein Augenzwinkern der Geschichte. Es sagt: Auch der heilige Raum ist nicht frei von Überraschungen. Auch die Kirche lebt nicht im luftleeren Himmel, sondern mitten in den Spuren der Welt. Und manchmal braucht es ausgerechnet ein Reptil an der Decke, damit man wieder nach oben schaut.

Quellen:
Spain.info: „6 Kuriositäten der Kathedrale von Sevilla, die Sie noch nicht wussten“
CarpeDiem Magazine: „Ein Krokodil in einer spanischen Kathedrale?!“
Wikipedia: „Kathedrale von Sevilla“

August 2026

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