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Synoden sind Orte des Wortes. So sollte man meinen. Man diskutiert, streitet, ringt um Wahrheit – möglichst leidenschaftlich, aber bitte ohne Faustschläge. Dass es auch anders geht, zeigt ein kirchengeschichtliches Kuriosum, das alles übertrifft, was man sich heute selbst in hitzigen Kirchenvorstandssitzungen vorstellen kann: die „Räubersynode von Ephesus“ im Jahr 449.
Was dort geschah, ist nicht nur theologisch unerquicklich, sondern menschlich schlicht furchtbar – und gerade deshalb lehrreich. Schon der Beginn war unerquicklich: bewaffnete Mönchstrupps marschierten auf, Gegner wurden eingeschüchtert, Redner zum Schweigen gebracht. Wer die „falsche“ Meinung vertrat, riskierte Prügel. Tatsächlich kam es zu Handgreiflichkeiten, Drohungen, Tumulten. Bischöfe unterschrieben Beschlüsse aus Angst. Einer starb später an den Folgen der Misshandlungen. Kirche als Schlägertruppe – man muss es sich auf der Zunge zergehen lassen.
Theologisch ging es um hohe Fragen – um Christus, um seine göttliche und menschliche Natur. Praktisch aber setzte sich nicht das bessere Argument durch, sondern die lautere Stimme und der stärkere Arm. Wahrheit wurde abgestimmt, nicht errungen. Recht wurde ersetzt durch Macht. Aus der Synode wurde eine Räuberhöhle.
Der römische Bischof Leo I. reagierte mit einer Klarheit, die heute fast modern wirkt. Er nannte das Ganze beim Namen: latrocinium. Kein Konzil, keine Kirche, sondern organisierter Rechtsbruch. Und er beließ es nicht bei moralischer Empörung. Zwei Jahre später sorgte er dafür, dass in Chalzedon ein ordentliches, rechtmäßiges Konzil zusammentrat – mit freier Debatte, klaren Verfahren und Schutz der Beteiligten. Dort wurde entschieden, was bis heute gilt.
Die Pointe ist bitterernst: Kirche hat schlimmste Erfahrungen gemacht, wenn sie das Recht preisgibt!
Nicht erst im 20. Jahrhundert. Schon in der Antike führte Rechtsbruch zur Verrohung – und zur theologischen Katastrophe, die Auswirkungen auf die Kirche und auf die gesamte Gesellschaft hat.
Zeitdiagnostisch ist das beunruhigend aktuell. Wo heute Recht verächtlich gemacht, Verfahren lächerlich, Institutionen delegitimiert werden, da ist der Weg von der Synode zur Räuberhöhle kürzer, als man denkt. Auch in der Kirche. Auch im Namen vermeintlicher Wahrheit. Das gilt auch für unsere staatlichen und gesellschaftlichen "Synoden".
Gerade deshalb steht die christliche Kirche auf der Seite des Rechtsstaats. Nicht aus Bequemlichkeit, sondern aus Erfahrung. Unsere Rechtsordnung ist von christlichen Überzeugungen geprägt: Würde, Gerechtigkeit, Schutz vor Gewalt. Wer das Recht schleift, schleift am Ende auch den Glauben und damit auch jegliches friedliche Miteinander. Ohne Recht gibt es keinen Frieden. Nirgendwo.
Man kann etwas tun gegen Willkür und Gewalt ... innerhalb und außerhalb der Kirche. Leo I. hat es vorgemacht.
Aber nur, wenn man nicht schläft. Nicht wegduckt. Und nicht wartet, bis die Schläger schon im Raum stehen.
Skurril? Ja.
Erschreckend? Sehr.
Aktuell? Leider auch!
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