SKURRILES: Als die Katze des Bischofs einen eigenen Eingang bekam
SKURRILES: Als die Katze des Bischofs einen eigenen Eingang bekam
Ein Loch in der Kirchentür, acht Pence für den Zimmermann und Katzen auf der Gehaltsliste: In der englischen Kathedrale von Exeter nahm man die Mäusebekämpfung schon vor Jahrhunderten ernst.
Kirchen haben große Portale. Sie sollen Menschen willkommen heißen, Würde ausstrahlen und den Weg zum Gottesdienst öffnen. In der englischen Kathedrale von Exeter gibt es allerdings einen Eingang, der etwas bescheidener ausgefallen ist. Er befindet sich ganz unten in einer Holztür, ist kreisrund und gerade groß genug für eine Katze. Wer davorsteht, ahnt zunächst kaum, dass sich hinter dieser kleinen Öffnung ein ungewöhnliches Stück Kirchengeschichte verbirgt.
Die Geschichte ist über 400 Jahre alt und so schön, dass man sie für eine erfundene Anekdote halten könnte. Doch ihre wesentlichen Einzelheiten stehen schwarz auf weiß in den historischen Rechnungsbüchern der Kathedrale. Denn was sich damals zwischen Bischof, Zimmermann und Katze abspielte, wurde ordnungsgemäß dokumentiert. Offenbar war schon im 16. Jahrhundert eine gewissenhafte kirchliche Buchführung für die Nachwelt von einigem Unterhaltungswert.
Acht Pence für einen neuen Kircheneingang
Als William Cotton 1598 Bischof von Exeter wurde, fand er eine Kathedrale vor, in der einiges renoviert werden musste. Offenbar gehörte dazu auch die Lösung eines Problems, das weder durch Gebet noch durch eine besonders eindringliche Predigt zu beseitigen war: Mäuse und Ratten. Besonders wohl fühlten sich die ungebetenen Gäste in der Nähe der großen astronomischen Uhr. Deren Mechanik wurde mit tierischem Fett geschmiert, das die Nager anlockte. Die Tiere interessierten sich vermutlich weniger für die präzise Zeitmessung als für die schmackhafte Ausstattung.
Also musste eine Katze her. Damit die vierbeinige Mitarbeiterin ungehindert zu ihrem Arbeitsplatz gelangen konnte, ließ der Bischof ein Loch in die Tür unterhalb der Uhr schneiden. Der Zimmermann erhielt dafür acht Pence, und die entsprechende Ausgabe wurde ordnungsgemäß verbucht. Man könnte darin einen bemerkenswert frühen Fall kirchlicher Personal- und Gebäudeplanung erkennen: Erst den Arbeitsplatz zugänglich machen, dann die Schädlingsbekämpfung der Fachkraft überlassen. Ob die Katze mit ihren neuen Arbeitsbedingungen zufrieden war, ist leider nicht überliefert.
Das Katzenloch ist bis heute erhalten und gehört inzwischen zu den kuriosen Sehenswürdigkeiten der Kathedrale. Gelegentlich wird es als möglicherweise älteste Katzenklappe der Welt bezeichnet. Ganz korrekt ist das allerdings nicht, denn eine bewegliche Klappe besitzt der Durchgang nicht. Außerdem lässt sich nicht ausschließen, dass es anderswo noch ältere Katzeneingänge gab. Der historische Wert dieses kleinen Lochs liegt ohnehin weniger in einem möglichen Weltrekord als in der ungewöhnlich guten Dokumentation seiner Entstehung.
Die Katze stand sogar auf der Gehaltsliste
Noch erstaunlicher ist, dass die Kathedrale von Exeter bereits Jahrhunderte zuvor Katzen beschäftigte. Archivunterlagen belegen für die Zeit zwischen 1305 und 1467 regelmäßige Zahlungen von 13 Pence pro Quartal, die für die Küster und die Katze vorgesehen waren. Die Mittel dürften auch dem Unterhalt der tierischen Mäusejäger gedient haben. Katzen waren damit offenbar schon im Mittelalter ein selbstverständlicher Bestandteil des kirchlichen Alltags. Sie bewachten zwar keine Kirchentüren und hielten auch keine Predigten, sorgten aber dafür, dass sich die Mäuse nicht ungestört an Vorräten und Einrichtungen bedienen konnten.
Wie es in kirchlichen Haushalten gelegentlich vorkommt, wurde allerdings auch damals über Ausgaben diskutiert. In den 1380er-Jahren beanstandete der für die Finanzen zuständige Domherr unter anderem die Zahlungen für die Katze. Das Domkapitel hielt jedoch daran fest. Schließlich ging es, wie die Kathedralarchivarin Ellie Jones berichtet, nur um ein kleines Kätzchen. Offenbar war man der Meinung, dass die Kosten vertretbar seien und die Dienste der Katze weiterhin benötigt würden.
Ob die Katze selbst von diesen Haushaltsdebatten etwas mitbekam, ist nicht überliefert. Vermutlich hätte sie sich ohnehin mehr für die nächste Maus interessiert als für die finanzpolitischen Überlegungen der Domherren. Immerhin lässt sich feststellen, dass die kirchliche Mäusebekämpfung damals eine gewisse Wertschätzung genoss. Davon könnten sich manche unsichtbaren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter heutiger Gemeinden vielleicht eine Scheibe abschneiden.
Eine Kirchenkatze wird unsterblich
Die Geschichte der Katzen von Exeter endet keineswegs mit dem mittelalterlichen Rechnungswesen. In den 1940er-Jahren lebte dort ein Kater namens Tom, der zur örtlichen Berühmtheit wurde. Er gehörte der Familie des leitenden Küsters, war ein stattlicher getigerter Kater und offenbar eine Persönlichkeit mit ausgeprägtem Selbstbewusstsein. Tom soll auf dem Hut des Erzdiakons gesessen, die Opferstöcke bewacht und sich selbst während der Bombenangriffe auf Exeter erstaunlich unbeeindruckt gezeigt haben. Eine Augenverletzung verlieh ihm ein unverwechselbares Aussehen und trug vermutlich zusätzlich zu seinem Ruf als eigenwilliger Kathedralenkater bei.
Als Tom 1951 starb, war er so bekannt, dass Zeitungen einen Nachruf veröffentlichten. Damit hatte er etwas erreicht, was vielen menschlichen Kirchenmitarbeitern trotz jahrzehntelangen Einsatzes nicht vergönnt ist. Doch auch dabei blieb es nicht: Später wurde er sogar in Stein verewigt. In der wiederaufgebauten St.-Jakobus-Kapelle erinnert eine Darstellung an ihn und seinen ewigen Gegenspieler, die Ratte. Andere Kirchenkatzen sind längst vergessen – Tom schaffte es immerhin bis in die kirchliche Baukunst.
Was lernen wir daraus?
Vielleicht zunächst, dass Kirchengeschichte gelegentlich viel unterhaltsamer ist, als ihre Lehrbücher vermuten lassen. Während Bischöfe predigten, Domherren über Finanzen stritten und die große astronomische Uhr den Lauf der Zeit anzeigte, verrichteten Katzen ihre Arbeit. Ohne theologische Ausbildung, ohne Synodalbeschluss und vermutlich auch ohne besondere Begeisterung für die Kirchenordnung. Und doch gehörten sie über Jahrhunderte zum Leben der Kathedrale, wurden versorgt, bezahlt und gelegentlich sogar zum Gegenstand kirchlicher Haushaltsdebatten.
An dieser Stelle darf man auch einmal an den Apostel Paulus denken. Der beschreibt die christliche Gemeinde als einen Leib, in dem jedes Glied seinen Platz hat. Und ausgerechnet über jene, die wenig Ansehen genießen, schreibt er: „Vielmehr sind die Glieder des Leibes, die uns schwächer zu sein scheinen, die nötigsten“ (1. Korinther 12,22). Paulus dachte dabei selbstverständlich an Menschen und nicht an Katzen. Aber seine Worte erinnern daran, wie leicht wir übersehen, wer eine Gemeinde zusammenhält.
Da sind Menschen, die vor dem Gottesdienst die Türen öffnen, Stühle stellen, Räume reinigen, kaputte Dinge reparieren oder sich um jene kümmern, die sonst niemand beachtet. Ihre Namen stehen selten auf einem Programm, und einen Platz auf der Kanzel beanspruchen sie gewöhnlich auch nicht. Doch ohne sie würde vieles nicht funktionieren. Im Leib Christi entscheidet nicht die Sichtbarkeit darüber, wie wertvoll jemand ist. Gerade die Menschen, die am wenigsten Aufhebens um ihre Arbeit machen, können für das Leben einer Gemeinde unentbehrlich sein.
Vielleicht steckt darin die schönste Pointe dieser alten Katzengeschichte: Vor mehr als 400 Jahren ließ ein Bischof eigens eine Öffnung in eine Kirchentür schneiden, damit ein kleines Tier seinen Platz im großen Gotteshaus finden konnte. Das war praktisch gedacht und hatte mit theologischen Grundsatzfragen wenig zu tun. Aber das Katzenloch stellt uns heute eine Frage, die weit über die Mäusebekämpfung hinausreicht: Wie offen sind unsere Kirchen für Menschen, die keinen besonderen Rang besitzen, selten gehört werden oder nicht recht ins gewohnte Bild passen?
Die Katze von Exeter bekam ihren eigenen Eingang. Hoffentlich müssen Menschen nicht erst so nützlich sein wie eine gute Mäusefängerin, bevor die Kirche ihnen die Tür öffnet.
Quellen und weiterführende Informationen
Exeter Cathedral: „You Can’t Spell Cathedral Without Cat!“ – Beitrag der Kathedralarchivarin Ellie Jones vom 7. August 2026 über die historischen Kirchenkatzen und die Rechnungsbücher.
Association of English Cathedrals: „Cathedral Doors – Look in“ – Angaben zum Katzenloch, zu Bischof William Cotton und den acht Pence für den Zimmermann.
Exeter Cathedral: „International Cat Day“ – Beitrag vom 8. August 2025 über den berühmten Kathedralenkater Tom.
Oktober 2026