Wenn der Pfarrer im Wal steht
Manche Kanzeln sind erhöht. Diese hier ist verschlungen. In der Pfarrkirche St. Peter und Paul im polnischen Duszniki-Zdrój (Bad Reinerz) steht der Prediger nicht einfach auf einer Kanzel – er steht im Maul eines riesigen Fisches. Die berühmte „Walfischkanzel“, ein barockes Kunstwerk von Michael Kössler, ist ebenso eindrucksvoll wie eigenwillig: Der Prediger spricht buchstäblich aus dem Rachen des Ungeheuers.
Skurril? Ohne Frage. Und doch theologisch erstaunlich durchdacht. Denn die Kanzel greift die Geschichte des Propheten Jona auf: Jona flieht vor Gottes Auftrag, wird vom „großen Fisch“ verschlungen – und nach drei Tagen wieder ausgespien. Die christliche Auslegung sah darin früh ein Vorausbild von Tod und Auferstehung Christi. So wird der Bauch des Fisches zum Bild des Grabes – und zugleich zum Ort der Rettung.
Die Kanzel selbst entfaltet ein ganzes theologisches Panorama: Unter dem Maul des Fisches finden sich Engel und die vier Evangelisten, darüber der Prophet Ezechiel, weiter oben die Kirchenväter – und schließlich, von Strahlen umgeben, der leidende Christus. Es ist eine Predigt aus Holz, eine Inszenierung des Glaubens im Stil des Barock, der nicht nur erklären, sondern bewegen wollte.
Und mittendrin: der Prediger. Ein wenig Jona, ein wenig Zeuge der Auferstehung. Einer, der selbst weiß, wie es ist, in den Tiefen zu sein – und doch vom Leben zu sprechen.
Man möchte fast sagen: Diese Kanzel ist ein barockes Glaubensbekenntnis aus Holz. Sie erinnert daran, dass christliche Predigt nicht über den Dingen schwebt, sondern aus den Tiefen des Lebens kommt – aus Angst, Flucht, Schuld und neuer Hoffnung. Gerade darin liegt das Skurrile und Schöne dieser Walfischkanzel: Ausgerechnet aus dem Rachen des Fisches ertönt am Ende nicht das Wort des Untergangs, sondern das Wort des Lebens.
März 2026