Auf Katastrophen vorbereitet sein
Auf Katastrophen vorbereitet sein
Vorsorge hilft, im Ernstfall besonnen zu bleiben – und füreinander da zu sein
Großbrände, Hochwasser, Stromausfälle, extreme Hitze, Cyberangriffe oder Attentate kündigen sich oft nicht lange vorher an. Manche Warnung kommt rechtzeitig, andere Lage entwickelt sich schneller, als Menschen reagieren können. Wer vorbereitet ist, lebt deshalb nicht ängstlicher. Er kann im Ernstfall ruhiger handeln – für sich selbst, für die eigene Familie, für Nachbarinnen und Nachbarn und für Menschen, die Hilfe brauchen.
Die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau weist in einem aktuellen Beitrag darauf hin: Katastrophenvorsorge ist keine Panikmache, sondern eine Form von Besonnenheit. Sie erinnert dabei an das biblische Wort: „Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit“ (2. Timotheus 1,7). Vorsorge heißt also nicht: sich von Angst bestimmen lassen. Vorsorge heißt: mit wachem Blick, praktischer Vernunft und Nächstenliebe handeln.
Auch biblische Erzählungen kennen diese Haltung. Josef rät dem Pharao, Getreidevorräte anzulegen, damit Menschen die kommenden Dürrejahre überstehen können. Der barmherzige Samariter hilft einem Verletzten nicht nur mit Mitgefühl, sondern auch mit dem damals verfügbaren Wissen zur Versorgung. König Hiskia sichert angesichts einer militärischen Bedrohung vorausschauend die Wasserversorgung Jerusalems – und bittet zugleich um Gottes Beistand.
Was jeder Haushalt tun kann
Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) empfiehlt, sich möglichst für zehn Tage selbst versorgen zu können; auch ein Vorrat für drei Tage hilft bereits und kann schrittweise aufgebaut werden. Die Empfehlungen sind ausdrücklich Hilfestellungen, keine starre Vorschrift. Vorräte müssen zu den eigenen Lebensumständen passen: Allergien, Medikamente, Kinder, Haustiere, Pflegebedarf, Platz und persönliche Vorlieben spielen eine Rolle.
Sinnvoll ist ein „lebender Vorrat“: Man kauft nicht hektisch große Mengen, sondern hält von haltbaren Lebensmitteln, Wasser, Hygieneartikeln und Medikamenten immer etwas mehr bereit und verbraucht ältere Packungen zuerst. Die Malteser betonen, dass Vorsorge ohne Hamstern möglich und sozialer ist: Wer nur das Nötige bevorratet, nimmt anderen nichts weg.
Zur Grundausstattung gehören vor allem Trinkwasser, haltbare Lebensmittel, eine Hausapotheke, Hygieneartikel, Taschenlampe, Batterien, Powerbank, Radio mit Batterie-, Solar- oder Kurbelbetrieb, wichtige Dokumente, etwas Bargeld und eine Möglichkeit, einfache Mahlzeiten zuzubereiten, wenn der Strom ausfällt. Für Wasser empfiehlt der Malteser-Beitrag, mit etwa zwei Litern pro Person und Tag zu rechnen, damit neben dem Trinken auch Kochen oder Zähneputzen möglich bleibt.
Bei einem längeren Stromausfall fallen Heizung, Herd, Licht, Internet, Telefon und warmes Wasser aus. Deshalb sollten Akkus regelmäßig geladen sein; Powerbanks, Taschenlampen, Kerzen, Streichhölzer und ein Radio können dann helfen. Wer mit Kerzen leuchtet, muss regelmäßig lüften. Campingkocher oder Grill dürfen niemals in geschlossenen Räumen verwendet werden – das ist lebensgefährlich.
Ebenso wichtig sind Warnwege. Die EKHN verweist auf offizielle Warnungen des Bundes, die Warn-App NINA, KATWARN und auf Radioempfang über Batterie-, Solar- oder Kurbelradio, falls digitale Infrastruktur ausfällt. Warnmeldungen sollten ernst genommen werden. Gerade die Flutkatastrophe im Ahrtal 2021 hat schmerzhaft gezeigt, wie folgenreich es sein kann, wenn Warnungen nicht rechtzeitig in entschlossenes Handeln übersetzt werden.
Kleine Checkliste für den Anfang
Diese Punkte können Gemeinden, Familien und Einzelpersonen als Einstieg nutzen:
* Warn-App installieren und testen: NINA, KATWARN oder andere regionale Warnsysteme.
* Einen Vorrat für mindestens drei Tage anlegen, langfristig nach Möglichkeit für zehn Tage.
* Trinkwasser, haltbare Lebensmittel und Tierfutter mitdenken.
* Hausapotheke prüfen: persönliche Medikamente, Verbandsmaterial, Fieberthermometer, Schmerzmittel, Durchfallmittel, Ersatzbrille oder Kontaktlinsenzubehör.
* Taschenlampe, Batterien, Powerbank, Radio, Kerzen und Streichhölzer bereitlegen.
* Wichtige Dokumente kopieren oder digital sichern.
* Notfallkontakte auf Papier notieren, nicht nur im Smartphone speichern.
* In der Familie klären: Wer holt Kinder? Wer kümmert sich um Pflegebedürftige? Wo trifft man sich, wenn Telefon und Internet ausfallen?
* Nachbarschaft im Blick behalten: Wer lebt allein? Wer braucht Unterstützung? Wer kann helfen?
* Einen Erste-Hilfe-Kurs auffrischen.
Das BBK stellt dazu einen Ratgeber und eigene Checklisten bereit, auch in Leichter Sprache und in mehreren Fremdsprachen. Das ist für Gemeinden besonders hilfreich, die Informationen an Menschen mit unterschiedlicher Sprachkompetenz weitergeben möchten.
Was Kirche und Diakonie leisten können
Katastrophenschutz ist zuerst Aufgabe staatlicher Stellen, Feuerwehren, Rettungsdienste, Polizei, THW und Hilfsorganisationen. Kirche und Diakonie ersetzen diese Strukturen nicht. Aber sie haben eigene Stärken: Nähe zu Menschen, Räume vor Ort, Ehrenamtliche, seelsorgerliche Erfahrung, diakonische Netzwerke und ein Gespür für Trauer, Angst und Verletzlichkeit.
Die EKHN beschreibt die Aufgabe der Kirche im Katastrophenfall vor allem als krisensensible seelsorgerliche Begleitung. Notfallseelsorge kann in akuten Situationen über die Leitstellen von Feuerwehr, Rettungsdienst und Polizei alarmiert werden; sie ist rund um die Uhr erreichbar, aber nicht direkt durch Privatpersonen zu kontaktieren. Für viele Betroffene ist sie nach einem Schockereignis der erste menschliche Kontakt.
Zu den kirchlichen Aufgaben gehören emotionale Stabilisierung, Halt und Orientierung, spirituelle Begleitung, Begegnungsräume und Anlaufstellen, Trauerbegleitung, Gedenkorte, Gottesdienste und Veranstaltungen, die eine Krise gemeinsam verarbeiten helfen. Auch die Zusammenarbeit mit Diakonie, Caritas, Ökumene und staatlichen Stellen gehört dazu.
Kirchengemeinden können schon vor einer Krise prüfen: Welche Räume könnten als Treffpunkt dienen? Wer hat Schlüssel? Welche Telefonnummern müssen erreichbar sein? Gibt es Ehrenamtliche mit medizinischer, technischer, sprachlicher oder seelsorgerlicher Kompetenz? Wie können Menschen ohne Internet informiert werden? Welche älteren oder alleinlebenden Gemeindeglieder brauchen im Ernstfall besondere Aufmerksamkeit?
Diakonie und kirchliche Einrichtungen haben darüber hinaus eine besondere Verantwortung für Menschen, die in Krisen schneller übersehen werden: Pflegebedürftige, Wohnungslose, Geflüchtete, Menschen mit Behinderung, Familien in Armut, psychisch belastete Personen, Kinder und ältere Menschen. Christliche Katastrophenvorsorge fragt deshalb nicht nur: „Was brauche ich?“ Sie fragt auch: „Wer braucht mich?“
Besonnenheit ist gelebte Nächstenliebe
Katastrophenvorsorge ist ein nüchternes Thema. Aber sie berührt den Glauben. Christinnen und Christen müssen die Welt nicht schönreden. Sie dürfen Gefahren ernst nehmen, ohne sich von ihnen beherrschen zu lassen. Sie dürfen vorsorgen, ohne egoistisch zu werden. Sie dürfen bitten, beten, handeln und helfen.
Besonnenheit ist dabei keine kalte Vernunft. Sie ist eine geistliche Haltung. Sie verbindet Aufmerksamkeit mit Vertrauen, Verantwortung mit Mitgefühl, Selbstschutz mit Nächstenliebe. Wer vorbereitet ist, kann im Ernstfall nicht alles verhindern. Aber er kann dazu beitragen, dass weniger Chaos entsteht, Menschen geschützt werden und Hilfe schneller ankommt.
Vielleicht wäre genau das ein guter erster Schritt: nicht warten, bis etwas geschieht, sondern heute anfangen. Eine Warn-App installieren. Wasser und Medikamente prüfen. Nachbarinnen und Nachbarn wahrnehmen. Einen Erste-Hilfe-Kurs auffrischen. Und als Gemeinde darüber sprechen, wie Kirche im Ernstfall nicht nur offen bleibt, sondern Halt gibt.
Weiterführende Links und praktische Hilfen
EKHN: Vorbereitet sein auf Katastrophen
Kirchliche Einordnung mit biblischen Impulsen, Hinweisen zu Vorsorge, Notfallseelsorge und der Rolle von Kirche in Krisenlagen.
BBK: Ratgeber und Checklisten für die persönliche Notfallvorsorge
Offizielle Informationen des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe mit Checklisten, Empfehlungen für Vorräte, Dokumentensicherung, Stromausfall und Verhalten im Katastrophenfall.
Malteser: Krisenfest – So sorgst du für den Notfall vor
Praktische Hinweise zur Vorbereitung auf Krisen, Vorratshaltung, Stromausfall, Hausapotheke und Erste Hilfe.
Warn-App NINA des BBK
Die Warn-App des Bundes informiert über Gefahrenlagen, Wetterwarnungen und wichtige Hinweise des Bevölkerungsschutzes.
KATWARN
Ein weiteres Warnsystem für Gefahren- und Katastrophenmeldungen, das in vielen Regionen genutzt wird.
Notfallseite des BBK: Warnung und Vorsorge
Übersichtsseite mit Informationen zu Warnsystemen, Selbstschutz, Verhalten in Krisen und persönlicher Vorsorge.