Glaube & Fußball: Wenn ein Gebet auf dem Rasen zur Debatte wird

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Glaube & Fußball: Wenn ein Gebet auf dem Rasen zur Debatte wird

Zwischen Religionsfreiheit, Glaubenszeugnis und berechtigter Kritik

Nach dem 7:1 der deutschen Nationalmannschaft gegen Curaçao entstand auf dem Rasen eine Szene, die weit über den Fußball hinauswirkte: Felix Nmecha, Jonathan Tah und mehrere Spieler des Gegners bildeten einen Gebetskreis. Menschen standen eng beieinander, legten einander die Arme um die Schultern und beteten.

Für die einen war es ein starkes Zeichen: Gegner während des Spiels, verbunden im Glauben danach. Für andere wurde die Szene sofort zum Anlass für Kritik, Spott oder grundsätzliche Warnungen vor evangelikaler Einflussnahme im Fußball. Selten hat ein kurzes Gebet nach einem Spiel so viele Kommentare ausgelöst.

Dabei lohnt es sich, genauer hinzusehen.

Ein sichtbarer Glaube ist nicht verdächtig

Fußballerinnen und Fußballer danken nach einem Tor Gott, bekreuzigen sich, beten vor dem Anpfiff oder suchen nach einer Niederlage einen stillen Moment. Manche tun das christlich, andere muslimisch, andere auf ihre ganz eigene Weise. Wer Sport liebt, weiß: Erfolg und Scheitern liegen dort eng beieinander. Ein Gebet kann deshalb Ausdruck von Dankbarkeit sein, von Demut oder von der Einsicht, dass ein Mensch nicht alles selbst in der Hand hat.

Der Glaube gehört nicht nur in Kirchenräume. Er darf sichtbar werden – auch auf einem Fußballplatz. Religionsfreiheit bedeutet eben nicht bloß, in der Privatsphäre glauben zu dürfen. Sie schließt ein, den eigenen Glauben öffentlich zu zeigen, solange dadurch niemand herabgesetzt, bedrängt oder ausgeschlossen wird.

Jesus sagt: „Ihr seid das Licht der Welt“ (Matthäus 5,14). Das ist kein Aufruf zur religiösen Selbstdarstellung. Es erinnert daran, dass Glaube im Leben sichtbar werden darf: in Dankbarkeit, im Umgang miteinander, im Respekt vor dem Gegner und in der Bereitschaft, sich selbst nicht zu wichtig zu nehmen.

Ein gemeinsames Gebet nach einem Spiel muss deshalb nicht peinlich oder verdächtig sein. Es kann auch eine schöne Geste sein. Gerade im hochkommerzialisierten Profifußball, in dem Leistung, Marktwert und Aufmerksamkeit oft alles zu bestimmen scheinen, setzt ein solches Zeichen einen anderen Akzent: Wir sind mehr als unsere Leistung.

Warum die Kritik dennoch nicht aus der Luft gegriffen ist

Bei Felix Nmecha bleibt die Debatte jedoch nicht bei dieser Gebetsszene stehen. Der Dortmunder Profi ist für seinen offen gelebten christlichen Glauben bekannt. Zugleich wurden frühere Likes, geteilte Beiträge und Äußerungen von ihm als queer- und LGBTQ-feindlich kritisiert. Nmecha hat sich gegen den Vorwurf positioniert, homophob oder transfeindlich zu sein, und betont, für Respekt und Menschlichkeit einzutreten.

Auch seine Nähe zu Netzwerken wie „Ballers in God“ wirft Fragen auf. Solche Initiativen verbinden Fußball, Glaubenskommunikation und soziale Medien. Das ist zunächst nicht verwerflich. Christliche Sportarbeit hat eine lange Geschichte. Viele Menschen haben über Mannschaften, Trainingsgruppen oder Fußballcamps Gemeinschaft erlebt, Orientierung gefunden und Glauben entdeckt.

Wachsamkeit ist dennoch angebracht, wenn missionarischer Eifer mit einem engen Weltbild verbunden wird, wenn Glaube zur Abgrenzung dient oder wenn die Würde queerer Menschen, Andersgläubiger oder Andersdenkender beschädigt wird. Christliches Zeugnis verliert seine Glaubwürdigkeit, sobald es Menschen das Gefühl gibt, vor Gott nur unter Vorbehalt willkommen zu sein.

Der Maßstab dafür liegt im Evangelium selbst. Paulus schreibt: „Zur Freiheit hat uns Christus befreit“ (Galater 5,1). Diese Freiheit ist keine Erlaubnis, andere kleinzumachen. Sie ist die Freiheit, einander in Liebe zu dienen: „Durch die Liebe diene einer dem andern“ (Galater 5,13).

Glaube darf öffentlich sein – aber nie auf Kosten anderer

Die entscheidende Frage lautet daher nicht: Darf ein Fußballer öffentlich beten? Selbstverständlich darf er das. Die wichtigere Frage lautet: Welches Bild von Gott und Mensch wird dadurch sichtbar?

Ein Glaube, der dankbar macht, tröstet und Menschen verbindet, verdient Respekt. Ein Glaube, der sich über andere erhebt, ihre Identität abwertet oder politische Feindbilder religiös auflädt, widerspricht dem Geist Jesu.

Christlicher Glaube ist keine Fan-Kurve, in der nur die eigene Mannschaft zählt. Jesus erzählt vom barmherzigen Samariter, gerade um die Grenzen zwischen „wir“ und „die anderen“ aufzubrechen (Lukas 10,25–37). Er begegnet Menschen nicht zuerst mit einem Gesinnungstest, sondern mit Aufmerksamkeit, Heilung und Würde.

Das gilt auch im Fußball. Die Glaubwürdigkeit einer christlichen Haltung zeigt sich weniger in einem Bibelvers auf Instagram oder in einem Gebetskreis vor Kameras als darin, wie jemand über andere spricht, wie er mit Schwächeren umgeht und ob er bereit ist, Verantwortung für die Wirkung eigener Worte zu übernehmen.

Nicht jede Debatte muss zur Empörungsschleife werden

Die öffentliche Diskussion hat allerdings noch eine weitere Seite. Es wäre zu einfach, jede sichtbare Frömmigkeit reflexhaft als fundamentalistisch, rückwärtsgewandt oder gefährlich abzutun. Wer sich über jedes Kreuzzeichen, jedes Dankgebet und jede Jesus-Erwähnung empört, verwechselt religiöse Sichtbarkeit mit religiöser Übergriffigkeit.

Damit geraten wichtige Unterschiede aus dem Blick. „Die Evangelikalen“ gibt es nicht als einheitlichen Block. Die Szene ist theologisch, kulturell und politisch sehr verschieden. Viele evangelikal geprägte Christinnen und Christen engagieren sich in ihren Gemeinden, in der Diakonie, in der Jugendarbeit oder im Sport – ohne daraus eine politische Kampfansage zu machen.

Zugleich sollte man die mediale Logik nicht unterschätzen. Kontroverse Bilder erzeugen Reichweite. Empörung erzeugt Aufmerksamkeit. Gerade kleinere, medienaffine Glaubensnetzwerke profitieren davon, wenn ihre Botschaften durch Kritik und Gegenkritik immer weiter verbreitet werden.

Deshalb helfen weder ungetrübte Begeisterung noch reflexhafte Empörung. Die eine Haltung übersieht mögliche problematische Überzeugungen und Netzwerke. Die andere macht aus jedem öffentlichen Glaubenszeichen einen Skandal – und kann damit genau jene Akteure größer machen, als sie tatsächlich sind.

Die größeren Baustellen des Fußballs

Bei aller Aufmerksamkeit für Gebetskreise darf nicht vergessen werden: Die drängenden Probleme des Fußballs liegen nicht zuerst bei den wenigen Profis, die öffentlich von Jesus sprechen. Gewalt, Rassismus, Queerfeindlichkeit, Sexismus, sexualisierte Gewalt im Sport, gesundheitsgefährdender Leistungsdruck und die zunehmende Kommerzialisierung prägen den Spielbetrieb weit tiefer.

Gerade hier könnten Christinnen und Christen im Sport einen wichtigen Beitrag leisten. Nicht indem sie sich als moralisch bessere Menschen inszenieren, sondern indem sie für Respekt, Schutz und Gerechtigkeit eintreten. Der Glaube wird dort glaubwürdig, wo er nicht nur Worte findet, sondern Verantwortung übernimmt.

Vielleicht liegt in der Szene nach dem Spiel gegen Curaçao deshalb auch eine gute Frage für uns alle: Was soll sichtbar werden, wenn wir von Gott reden? Ein Glaube, der nur die eigene Überzeugung feiert? Oder ein Glaube, der Menschen zusammenführt, die Würde des anderen schützt und den Frieden sucht?

Ein Gebet auf dem Fußballplatz kann ein schönes Zeichen sein. Es wird dann stark, wenn die Haltung dahinter auch außerhalb des Stadions Bestand hat!

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