Theologie künftig auch mit Bachelor und Master

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Theologie künftig auch mit Bachelor und Master

Mehr Freiheit, neue Studienwege und ein Abschied vom klassischen Abschlussexamen? Eine Reform soll das evangelische Theologiestudium attraktiver machen. Doch sie wirft auch Fragen nach der Qualität theologischer Bildung auf.

Wer evangelische Theologie studiert, entscheidet sich häufig schon zu Beginn für einen langen Ausbildungsweg. Besonders für angehende Pfarrerinnen und Pfarrer ist das Studium anspruchsvoll: Hebräisch, Griechisch und Latein lernen, biblische Texte auslegen, sich mit Kirchengeschichte, Dogmatik, Ethik und Praktischer Theologie beschäftigen – und am Ende ein umfangreiches Examen bestehen.

Dieses traditionelle Studienmodell steht nun vor einer weitreichenden Veränderung. Der Evangelisch-Theologische Fakultätentag hat im Oktober 2026 in Jena eine neue Rahmenstudien- und Prüfungsordnung beschlossen. Sie ermöglicht es den Hochschulen, das bisherige Pfarramtsstudium künftig auch als Bachelor- und Masterstudiengang anzubieten.

Darüber berichtete der Bayerische Rundfunk am 16. Oktober 2026. Die Reform soll den Einstieg erleichtern, Studienabbrüche weniger folgenreich machen und dem Rückgang der Studierendenzahlen entgegenwirken.

Was ändert sich konkret?

Bislang führte das klassische Vollstudium der evangelischen Theologie zum Magister Theologiae oder zu einem kirchlichen Examen. Die Studierenden beschäftigten sich über viele Semester mit den verschiedenen theologischen Disziplinen. Den Abschluss bildete eine umfangreiche Prüfung, die Wissen aus dem gesamten Studium zusammenführte.

Das neue Modell sieht zwei aufeinander aufbauende Studienabschnitte vor: einen Bachelor und anschließend einen Master.

Nach dem Bachelor verfügen Studierende bereits über einen akademischen Abschluss. Sie können ihr Theologiestudium fortsetzen oder sich für einen anderen Studienweg entscheiden. Dieser Zwischenabschluss ist eine wesentliche Neuerung für das bisherige Pfarramtsstudium.

Die Hochschulen werden allerdings nicht verpflichtet, vollständig auf Bachelor und Master umzustellen. Sie können auch an einem reformierten Magisterstudiengang festhalten. Welche Studienmodelle tatsächlich angeboten werden, entscheiden die Universitäten und Landeskirchen im Rahmen ihrer Zuständigkeiten.

In Bayern betrifft die Reform die Studienstandorte München, Erlangen und Neuendettelsau. Nach Angaben des Bayerischen Rundfunks soll die neue Möglichkeit an allen drei Standorten eingeführt werden. Wann die jeweiligen Studienordnungen in Kraft treten, steht noch nicht fest.

Die alten Sprachen bleiben erhalten

Eine wesentliche Veränderung betrifft die Sprachausbildung.

Wer künftig einen Bachelor in Evangelischer Theologie erwerben möchte, soll zwei der drei klassischen theologischen Sprachen nachweisen müssen: Hebräisch, Griechisch oder Latein.

Die dritte Sprache folgt im Masterstudium. Für angehende Pfarrerinnen und Pfarrer bleiben damit weiterhin alle drei alten Sprachen verpflichtend.

Das ist theologisch bedeutsam. Evangelische Theologie versteht sich als wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem christlichen Glauben. Dazu gehört die Fähigkeit, biblische Texte in ihren ursprünglichen Sprachen zu lesen und kritisch auszulegen.

Die Aufteilung des Spracherwerbs könnte den Studienbeginn erleichtern und die Belastung besser verteilen. Sie darf allerdings nicht dazu führen, dass die sprachliche Kompetenz am Ende der Ausbildung geringer ausfällt.

Welche Vorteile bietet die Reform?

Mehr Freiheit bei der Studienentscheidung

Viele junge Menschen interessieren sich für Religion, Philosophie, ethische Fragen und die Geschichte des Christentums, ohne bereits sicher zu wissen, ob sie später Pfarrerin oder Pfarrer werden möchten.

Das bisherige Studienmodell verlangte ihnen eine weitreichende Entscheidung ab. Wer nach mehreren Semestern einen anderen Weg einschlagen wollte, stand häufig ohne berufsqualifizierenden Hochschulabschluss da.

Ein Bachelorabschluss kann diese Situation verbessern.

Studierende erhalten die Möglichkeit, sich neu zu orientieren und ihre bisherigen Leistungen für andere Studienwege zu nutzen. Denkbar sind beispielsweise anschließende Masterstudiengänge mit religionswissenschaftlichen, pädagogischen oder gesellschaftswissenschaftlichen Schwerpunkten. Ob und in welchem Umfang Leistungen anerkannt werden, hängt allerdings von den jeweiligen Zulassungs- und Prüfungsordnungen ab.

Damit wird das Theologiestudium auch für Menschen interessant, die sich wissenschaftlich mit Religion beschäftigen möchten, ohne unmittelbar einen kirchlichen Beruf anzustreben.

Bessere Vergleichbarkeit mit anderen Studiengängen

Während sich die meisten Studiengänge längst an der europäischen Bachelor-Master-Struktur orientieren, hielt das klassische Pfarramtsstudium weitgehend an seiner besonderen Abschlussform fest.

Die neue Studienstruktur kann Hochschulwechsel und fachübergreifende Studienwege erleichtern. Wer im Lauf seines Studiums andere Interessen entwickelt, könnte künftig leichter zwischen verschiedenen Fächern und Studienangeboten wechseln.

Davon kann auch die Theologie selbst profitieren. Sie steht seit jeher im Gespräch mit Philosophie, Geschichte, Sprachwissenschaften, Sozialwissenschaften und vielen weiteren Disziplinen.

Mehr Durchlässigkeit eröffnet zusätzliche Möglichkeiten für diesen wissenschaftlichen Austausch.

Ein überschaubarerer Ausbildungsweg

Der Vorsitzende des Evangelisch-Theologischen Fakultätentags, der Kieler Theologieprofessor Andreas Müller, verbindet mit der Reform die Hoffnung, Hemmschwellen für Studieninteressierte abzubauen.

Angestrebt wird außerdem, die Studienphase für das Pfarramt auf fünf Jahre zu begrenzen. Ob dieses Ziel angesichts von Spracherwerb, Auslandsaufenthalten und individuellen Studienverläufen erreicht werden kann, muss die Praxis zeigen.

Ein klarer strukturierter Studienverlauf könnte die Planung erleichtern und die Belastung der Studierenden verringern.

Wo liegen die Nachteile und Risiken?

Droht eine Verschulung des Theologiestudiums?

Die größte Sorge der Kritiker betrifft die wissenschaftliche Freiheit.

Theologie ist eine Wissenschaft, die sich mit Fragen beschäftigt, auf die es häufig keine schnellen und eindeutigen Antworten gibt. Wie sind biblische Texte entstanden? Was können wir historisch über Jesus wissen? Wie lässt sich angesichts menschlichen Leidens von Gott sprechen? Welche ethischen Konsequenzen ergeben sich aus dem christlichen Glauben?

Wer solche Fragen ernsthaft bearbeitet, braucht Zeit zum Lesen, Diskutieren, Zweifeln und eigenständigen Nachdenken.

Ein stark durchstrukturiertes Bachelor-Master-Studium könnte dazu führen, dass Studierende vor allem von einer Modulprüfung zur nächsten arbeiten. Die Gefahr besteht darin, dass der Erwerb von Leistungspunkten wichtiger wird als die vertiefte wissenschaftliche Auseinandersetzung.

Allerdings hängt dies weniger von der Bezeichnung des Studienabschlusses ab als von der konkreten Gestaltung des Studiums. Auch innerhalb eines Bachelor-Master-Systems lassen sich Freiräume für wissenschaftliches Arbeiten schaffen.

Geht der Zusammenhang der theologischen Disziplinen verloren?

Ein besonderes Merkmal des traditionellen Theologiestudiums ist seine fachliche Breite.

Altes Testament, Neues Testament, Kirchengeschichte, Systematische Theologie und Praktische Theologie stehen in enger Beziehung zueinander. Eine theologische Frage lässt sich selten angemessen behandeln, wenn man nur eine dieser Perspektiven berücksichtigt.

Das große Abschlussexamen verlangte bisher, diese unterschiedlichen Wissensgebiete miteinander zu verbinden.

Wenn künftig einzelne Module nacheinander geprüft werden, könnte dieser Gesamtzusammenhang an Bedeutung verlieren.

Eine Reform muss deshalb sicherstellen, dass Studierende nicht nur einzelne Fachgebiete kennenlernen, sondern lernen, theologische Zusammenhänge selbstständig zu erschließen. Gerade für den späteren Pfarrberuf ist diese Fähigkeit unverzichtbar.

Löst die Reform den Nachwuchsmangel?

Die theologischen Fakultäten reagieren auch auf sinkende Studierendenzahlen und die Sorge der Landeskirchen um den pfarramtlichen Nachwuchs.

Neue Studienabschlüsse könnten zusätzliche Interessierte gewinnen. Ob daraus tatsächlich mehr Pfarrerinnen und Pfarrer hervorgehen, bleibt offen.

Die Entscheidung für den Pfarrberuf hängt schließlich von weiteren Faktoren ab: von den Arbeitsbedingungen, der Vereinbarkeit von Beruf und Familie, der Zukunft kirchlicher Gemeinden und den persönlichen Erfahrungen mit Kirche.

Wer junge Menschen für das Pfarramt gewinnen möchte, muss auch darüber sprechen, wie dieser Beruf künftig aussehen soll.

Zudem eröffnet ein Bachelorabschluss ausdrücklich die Möglichkeit, sich gegen den Pfarrberuf zu entscheiden. Das ist für Studierende ein Vorteil, bedeutet aber keineswegs automatisch mehr Nachwuchs für die Landeskirchen.

Reicht künftig der Bachelor, um Pfarrer zu werden?

Nein.

Der neue Bachelorabschluss ist kein eigenständiger Zugang zum regulären evangelischen Pfarramt. Für diesen Beruf bleibt eine vollständige theologische Ausbildung auf Masterniveau beziehungsweise ein entsprechender anerkannter theologischer Abschluss erforderlich. Daran schließt sich die praktische Ausbildung im Vikariat an.

Wie die Landeskirchen die neuen Studienabschlüsse künftig anerkennen und welche Prüfungsanforderungen sie stellen, muss bei der Umsetzung der Reform geklärt werden.

Studieninteressierte sollten deshalb genau prüfen, welche Studiengänge von ihrer Landeskirche für die Aufnahme in den pfarramtlichen Vorbereitungsdienst anerkannt werden.

Theologie ist mehr als Berufsausbildung

Die Diskussion berührt eine Frage, die über Studienzeiten und Prüfungsordnungen hinausgeht: Was soll ein Theologiestudium leisten?

Aus evangelischer Sicht gehört die Freiheit des Denkens zum theologischen Selbstverständnis. Theologie lebt davon, überlieferte Glaubensaussagen zu prüfen, unterschiedliche Auslegungen miteinander ins Gespräch zu bringen und Fragen auch dort offen zu halten, wo schnelle Gewissheiten verlockend erscheinen.

Martin Luthers reformatorische Entdeckung wäre ohne intensive wissenschaftliche Beschäftigung mit der Bibel kaum denkbar gewesen. Die Reformation hat damit auch eine Tradition des kritischen Fragens gestärkt, die für die evangelische Theologie bis heute prägend ist.

Diese Tradition braucht wissenschaftliche Qualität, Sprachkenntnisse, historisches Urteilsvermögen und die Bereitschaft, sich mit widersprüchlichen Positionen auseinanderzusetzen.

Zugleich darf wissenschaftliche Theologie kein abgeschlossener Raum bleiben, der nur denen offensteht, die sich frühzeitig auf einen kirchlichen Beruf festlegen.

Gerade in einer Gesellschaft, in der religiöse Bindungen zurückgehen und zugleich Fragen nach Sinn, Ethik, Religion und gesellschaftlichem Zusammenhalt an Bedeutung behalten, kann eine offenere theologische Studienlandschaft wertvolle Impulse geben.

Eine Reform mit Chancen – und Verantwortung

Die Einführung von Bachelor und Master kann das evangelische Theologiestudium flexibler und zugänglicher machen. Sie ermöglicht frühere Abschlüsse, erleichtert eine berufliche Neuorientierung und eröffnet Perspektiven über das Pfarramt hinaus.

Die Befürchtung, dass dadurch wissenschaftliche Tiefe verloren gehen könnte, sollte ernst genommen werden. Sie ist aber kein zwingendes Argument gegen die Reform. Entscheidend wird sein, wie die Hochschulen ihre Studiengänge gestalten.

Ein gutes Theologiestudium braucht fachliche Standards und Raum für persönliche Entwicklung. Es muss die Studierenden dazu befähigen, Texte sorgfältig auszulegen, theologisch eigenständig zu urteilen und mit Menschen unterschiedlicher Überzeugungen ins Gespräch zu kommen.

Die Zukunft des Theologiestudiums entscheidet sich deshalb nicht allein an der Frage, ob auf dem Abschlusszeugnis Magister, Bachelor oder Master steht. Entscheidend bleibt, welche theologische Bildung dahintersteht – und ob sie Menschen befähigt, Glauben kritisch zu durchdenken und verantwortungsvoll zu leben.

Quellen und weiterführende Informationen

Bayerischer Rundfunk (BR24), 16. Oktober 2026: Nadja Stempel, „Theologiestudium künftig auch im Bachelor und Master möglich“. Bericht über die Reform und ihre Auswirkungen auf die bayerischen Studienstandorte.
https://www.br.de/nachrichten/bayern/theologiestudium-kuenftig-auch-im-bachelor-und-master-moeglich,VY0ZDko

Evangelische Kirche in Deutschland (EKD), 11. Oktober 2026: „Evangelisch-theologischer Fakultätentag reformiert Pfarramts-Studium“. Bericht des Evangelischen Pressedienstes über die Beschlüsse von Jena, die Sprachvoraussetzungen und die Kritik am neuen Studienmodell.
https://www.ekd.de/evangelisch-theologischer-fakultaetentag-reformiert-pfarramts-98334.htm

Sonntagsblatt, 12. Oktober 2026: Rieke C. Harmsen, „Evangelische Theologie: Bachelor und Master – neue Abschlüsse sollen Studium attraktiver machen“. Informationen zur Studienstruktur und zu den künftig erforderlichen Sprachkenntnissen.
https://www.sonntagsblatt.de/artikel/kirche/evangelische-theologie-bachelor-und-master-neue-abschluesse-sollen-studium

Evangelische Zeitung, 14. Oktober 2026: Joana Lewandowski, „Theologiestudium-Reform: Mehr Freiheit statt weniger Anspruch“. Kommentar zu Chancen, Studienfreiheit und wissenschaftlicher Qualität.
https://evangelische-zeitung.de/theologiestudium-reform-mehr-freiheit-statt-weniger-anspruch/

Evangelische Kirche in Deutschland: „Evangelische Studierendenzahlen“. Daten und Hintergrundinformationen zur Entwicklung der theologischen Studiengänge.
https://www.ekd.de/evangelische-studierendenzahlen-92216.htm

Stand: 26. Oktober 2026. Die konkreten Studien- und Prüfungsordnungen der einzelnen Hochschulen befinden sich noch in der Ausgestaltung.

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