Zwischen Studium und Kirche: Wie die Reform der Pfarrerausbildung in der Schweiz neue Wege geht

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Zwischen Studium und Kirche: Wie die Reform der Pfarrerausbildung in der Schweiz neue Wege geht

Die reformierte Kirche der Deutschschweiz steht vor einem weitreichenden Wandel in der theologischen Ausbildung. Ab Herbst 2027 sollen Studierende bereits nach dem Bachelorabschluss unter Begleitung pfarramtliche Aufgaben übernehmen und zugleich ihr Masterstudium fortsetzen können. Dieser Schritt markiert eine grundlegende Neuorientierung des Theologiestudiums, die stärker Praxis und akademische Theologie verknüpfen will.

Mehr Praxis – früherer Einstieg

Bisher war der klassische Weg klar: Bachelor → Master → Lernvikariat → Ordination. Künftig können Bachelor-Absolventinnen und -Absolventen bis zu fünf Jahre als theologische Mitarbeitende in Kirchgemeinden tätig sein und dort pfarramtliche Aufgaben übernehmen – begleitet durch erfahrene Pfarrpersonen, mit Einführungsmodule, Supervision und gleichzeitiger Fortsetzung des Masterstudiums.

Die Reform richtet sich gezielt gegen zwei drängende Probleme: der sinkenden Attraktivität des Theologiestudiums und dem sich zuspitzenden Pfarrmangel. Allein zwischen 2025 und 2029 gehen in den reformierten Kirchen der Deutschschweiz schätzungsweise hunderte Pfarrstellen durch Pensionierungen verloren.

Ein weiterer Gewinn der Reform ist die Harmonisierung der Ausbildungssysteme: So wird das Praktikumssemester künftig im Bachelor-Studium integriert, statt – wie bisher in einigen Regionen – erst zwischen Bachelor und Master zu liegen.

Theologische Chancen und Risiken

Dass Kirche und Universitäten hier einen gemeinsamen Weg gehen, ist zu begrüßen. Eine stärkere Praxisorientierung kann theologische Reflexion lebendiger machen und das Ausbildungsprofil so schärfen, dass junge Menschen besser auf die kirchlichen Realitäten vorbereitet sind. Studierende erleben Gemeindealltag, Seelsorge und Gottesdienstgestaltung früh – nicht erst nach dem akademischen Abschluss.

Theologie als nur theoretisches Studium zu belassen, machte sie in der Vergangenheit für viele unattraktiv. Die Reform bietet die Chance, Glaubensinhalte im realen kirchlichen Kontext zu erproben und theologisch fundiert zu reflektieren. Sinnstiftende Praxis und wissenschaftliche Tiefe müssen kein Gegensatz sein.

Gleichwohl sind kritische Fragen berechtigt: Wie stark bleibt die akademische Tiefe gewahrt, wenn praktische Aufgaben schon vor dem Master übernommen werden? Droht die Gefahr einer Überforderung oder einer Verwässerung theologischer Kompetenz, wenn Praxis zu früh ins Zentrum rückt? Diese Balance gilt es sorgfältig auszutarieren – nicht nur theologisch, sondern auch geistlich.

Impulse für die Kirche vor Ort

Die Reform eröffnet Gemeinden neue Möglichkeiten – und zugleich Verantwortungen:

1. Mentoring ernst nehmen: Kirchengemeinden sollten begleitende Mentorenprogramme stärken, damit junge Mitarbeitende nicht allein gelassen werden.

2. Praxis reflektieren: Räume schaffen, in denen praktische Erfahrungen theologisch reflektiert und ins Studium rückgekoppelt werden.

3. Gemeinden als Lernorte: Kirchgemeinden können zu lebendigen Ausbildungsstätten werden, in denen akademisches Lernen und pastorales Handeln zusammenwachsen.

4. Berufsbilder weiterdenken: Die Reform kann Anstoß sein, auch weitere Rollen (z. B. in Diakonie, Seelsorge oder Gemeindepädagogik) bewusst in die Ausbildungskultur zu integrieren.

Theologische Bewertung aus evangelischer Perspektive

Aus evangelischer Sicht berührt die Reform der Pfarrerausbildung einen zentralen theologischen Grundsatz: das Zusammenspiel von Lehre, Amt und Gemeinde. Das reformatorische Verständnis kennt keine sakramentale Weihe, die exklusiv über Amtstauglichkeit entscheidet. Entscheidend ist vielmehr die Beauftragung der Gemeinde, die an Bildung, geistliche Reife und Eignung gebunden ist.

In diesem Horizont ist die Reform theologisch gut begründbar. Sie nimmt ernst, dass Pfarramt nicht allein aus akademischer Kompetenz erwächst, sondern aus dem Zusammenklang von Wortkenntnis, geistlicher Praxis und personaler Reifung. Schon Martin Luther betonte, dass Theologie nicht nur „im Studierzimmer“, sondern im Leben, im Anfechtungsgeschehen, in der Seelsorge wachse.

Positiv ist daher, dass die Reform das Primat der Praxis nicht gegen, sondern mit der Theologie denkt. Studierende bleiben Lernende, auch wenn sie bereits Verantwortung übernehmen. Die parallele Fortführung des Masterstudiums signalisiert: Praxis ersetzt nicht die Theologie, sondern fordert sie heraus.

Gleichzeitig mahnt evangelische Theologie zur Nüchternheit. Die Gefahr einer funktionalen Verkürzung des Pfarramts – als bloße „Versorgungsinstanz“ in Zeiten des Mangels – darf nicht unterschätzt werden. Pfarramt ist mehr als Organisation, Moderation oder Ritualkompetenz. Es bleibt ein öffentlich verantwortetes Lehramt, das Zeit, Vertiefung und geistliche Bildung braucht. Die Reform ist daher theologisch tragfähig, wenn sie nicht aus Sparzwängen, sondern aus einem erneuerten Amtsverständnis heraus umgesetzt wird.

Stimmen aus Kirchenleitungen

In Kirchenleitungen wird die Reform überwiegend als notwendiger und überfälliger Schritt gesehen. Der Pfarrmangel zwinge zu strukturellen Antworten – aber nicht um jeden Preis.

Eine leitende Kirchenperson formuliert sinngemäß:

„Wir reagieren nicht panisch, sondern gestalten bewusst. Uns geht es nicht darum, Standards zu senken, sondern Zugänge zu öffnen.“

Hervorgehoben wird besonders der Gedanke, dass junge Theologinnen und Theologen früher Bindung an Kirche und Gemeinde entwickeln können. Wer schon im Studium Verantwortung erlebt, bleibe der Kirche eher verbunden und erlebe den Beruf nicht erst spät als Realitätsschock.

Gleichzeitig betonen Kirchenleitungen die Verantwortung der Gemeinden:

„Diese Reform gelingt nur, wenn Gemeinden bereit sind, Ausbildungsorte zu sein – nicht bloß Einsatzfelder.“

Stimmen von Studierenden

Unter Studierenden wird die Reform ambivalent, aber überwiegend positiv aufgenommen. Viele begrüßen den frühen Praxisbezug, gerade weil das klassische Theologiestudium oft als lange, abstrakte Strecke erlebt wird.

Eine Studentin bringt es so auf den Punkt:

„Ich studiere Theologie, weil ich mit Menschen arbeiten will. Die Reform erlaubt mir, das früher zu tun – und trotzdem weiter zu studieren.“

Andere äußern auch Sorgen: die Doppelbelastung aus Studium und Gemeindearbeit, die emotionale Verantwortung in Seelsorge oder Beerdigungen, noch vor dem Masterabschluss. Hier zeigt sich, wie entscheidend Begleitung, Supervision und klare Rollendefinitionen sein werden.

Auffällig ist: Viele Studierende empfinden die Reform als Signal der Wertschätzung. Kirche traut ihnen etwas zu – nicht erst nach zehn Jahren Ausbildung, sondern schon auf dem Weg dorthin.

Schlussbemerkung

Die Reform der Pfarrerausbildung in der Schweiz ist kein Allheilmittel gegen den Pfarrmangel. Aber sie ist ein theologisch reflektierter, praxisnaher und mutiger Schritt, der evangelisches Amtsverständnis ernst nimmt und weiterentwickelt. Sie lädt dazu ein, Pfarramt nicht als statischen Beruf, sondern als Wegberuf zu denken – lernend, begleitet, verantwortlich ... auch außerhalb der Schweiz.

Ob dieser Weg trägt, wird sich nicht allein an Zahlen messen lassen, sondern daran, ob junge Menschen darin einen geistlich verantwortbaren, theologisch fundierten und menschlich tragfähigen Dienst entdecken. Die Voraussetzungen dafür sind mit dieser Reform deutlich besser geworden.

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